
Ein Supersportler ist auf der Landstraße nicht nur unpraktisch, sondern in vielen Situationen sogar technisch unterlegen.
- Rennsport-Technik wie Reifen und Bremsen funktioniert erst in einem Temperaturfenster, das im legalen Straßenverkehr nie erreicht wird, was zu weniger Grip und Sicherheit führt.
- Die Wartungskosten für ein Superbike sind durch spezielle Teile und kürzere Intervalle bis zu dreimal so hoch wie bei einem vergleichbaren Naked Bike.
Empfehlung: Die beste Performance für die Landstraße bietet nicht das Motorrad mit der höchsten PS-Zahl, sondern das, dessen Technik für reale Bedingungen und Temperaturen ausgelegt ist. Ein ehrlicher Blick auf die versteckten Kosten bewahrt vor einer teuren Fehlinvestition.
Der heisere Schrei eines hochdrehenden Vierzylinders, die aggressive Linienführung, das Versprechen brachialer Beschleunigung – der Traum von einem echten Supersportler ist für viele Motorrad-Enthusiasten die Krönung ihrer Leidenschaft. Man stellt sich vor, wie man auf der Hausstrecke die perfekte Linie findet, angetrieben von Technologie, die direkt von der Rennstrecke stammt. Doch was passiert, wenn dieser Traum auf die deutsche Realität trifft: Tempolimits, Feierabendverkehr und Straßenbeläge, die weit von der Perfektion eines Hockenheimrings entfernt sind? Die üblichen Argumente gegen ein Sportmotorrad sind bekannt: eine unbequeme Sitzposition und eine Leistung, die man ohnehin nie ausfahren kann. Das ist die Oberfläche des Problems.
Aber was, wenn die wahre Crux viel tiefer liegt? Was, wenn die Rennsport-Technologie, für die man einen hohen Aufpreis zahlt, auf der Landstraße nicht nur nutzlos, sondern aktiv kontraproduktiv ist? Das ist das Nutzungs-Paradox eines Supersportlers im Alltag. Es geht nicht darum, dass man 200 PS nicht braucht, sondern darum, dass die Komponenten, die diese Leistung ermöglichen sollen – von den Reifen bis zu den Bremsen – für Bedingungen konzipiert sind, die man außerhalb der Rennstrecke niemals legal erreichen kann. Dieser Artikel ist eine Abrechnung aus der Sicht eines ehemaligen Rennfahrers. Wir werden die Illusion des legalen Rausches demontieren und die knallharten Fakten beleuchten, die oft im Glanz der Verkleidung übersehen werden. Wir tauchen tief ein in die versteckten Kosten, die technischen Fallstricke und die realen Gefahren, die den Traum vom Superbike im Alltag schnell zu einem finanziellen und sicherheitstechnischen Albtraum machen können.
Für alle, die einen schnellen visuellen Überblick bevorzugen: Das folgende Video beleuchtet einige beliebte Modelle für die Landstraße. Es ist jedoch entscheidend, die hier diskutierten technischen und finanziellen Hintergründe zu verstehen, um die Versprechungen der Hersteller kritisch bewerten zu können.
Um eine fundierte Entscheidung zu treffen, müssen wir die Mythen rund um Supersportler systematisch zerlegen. Dieser Leitfaden führt Sie durch die entscheidenden Aspekte, von der lebensgefährlichen Reifenwahl über die explodierenden Unterhaltskosten bis hin zu den kaum beachteten Tücken bei Versicherung und Soziustauglichkeit. Betrachten Sie es als den Blick hinter die Kulissen, den Ihnen kein Verkäufer gewähren wird.
Inhaltsverzeichnis: Die ungeschminkte Wahrheit über Supersportler im Alltag
- Warum Slicks auf der Landstraße lebensgefährlich sind, selbst wenn es trocken ist?
- Vierzylinder oder V2:Motorradbekleidung und ECE-Norm: Worauf Sie bei Bußgeldgefahr achten müssen?
- Bremsscheiben und Beläge: Warum der Unterhalt einer Superbike 3x teurer ist als bei einer Naked Bike?
- Kilometerstand bei Sportlern: Warum Maschinen mit Rennstreckenbetrieb unverkäuflich werden?
- Der „Notsitz“ auf der Superbike: Wie Sie Ihrer Begleitung die Fahrt zur Qual machen
- Wohnort als Preistreiber: Warum die gleiche Leistung in München doppelt so viel kostet wie auf dem Land?
- Die 6-Jahre-Regel: Warum alte Reifen auch mit gutem Profil gefährlich hart werden?
- Warum ein ADAC-Fahrsicherheitstraining Ihr Unfallrisiko um 30% senken kann?
Warum Slicks auf der Landstraße lebensgefährlich sind, selbst wenn es trocken ist?
Das größte Missverständnis bei Supersportlern betrifft die Reifen. Ein klebriger Hypersport-Reifen, der auf der Rennstrecke für phänomenalen Grip sorgt, wird auf der Landstraße zur tödlichen Gefahr. Der Grund ist das sogenannte Temperaturfenster. Ein solcher Reifen benötigt eine Betriebstemperatur von etwa 80 °C, um seinen optimalen chemischen Grip zu entfalten. Diese Temperatur erreichen Sie bei einer legalen Fahrt über die Landstraße, selbst bei sportlicher Fahrweise, so gut wie nie. Ein kalter Rennreifen hat bei 15 °C Außentemperatur deutlich weniger Grip als ein guter Sport-Touring-Reifen, der genau für diese Bedingungen entwickelt wurde. Sie bezahlen also für eine Performance, die Sie nicht nur nicht nutzen können, sondern die Ihre Sicherheit sogar aktiv reduziert.
Das Resultat ist ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, das bei der ersten überraschenden Bremsung oder in einer kühlen, schattigen Kurve jäh endet. Hinzu kommt, dass gerade Supersportler überproportional oft von jungen Fahrern bewegt werden; Studien zeigen, dass bei Supersportlern 40% der Fahrer unter 26 Jahre alt sind und damit einer besonders unfallgefährdeten Gruppe angehören. Die Kombination aus einem kalten Reifen und mangelnder Erfahrung ist ein Rezept für eine Katastrophe. Wer ein gebrauchtes Superbike kauft, sollte zudem sofort 300-400 € für neue Reifen einplanen, da oft noch überalterte Pneus montiert sind, deren Gummi längst verhärtet ist.
Checkliste: Wann Reifen auf der Landstraße gefährlich werden
- Profiltiefe und Indikatoren: Prüfen Sie die gesetzliche Mindestprofiltiefe und die Verschleißindikatoren (Tread Wear Indicators).
- DOT-Datum kontrollieren: Nach spätestens 6 Jahren verhärten die Weichmacher im Gummi; der Reifen verliert an chemischem Grip und wird spröde.
- Temperatur beachten: Verstehen Sie, dass Hypersport-Reifen auf der Landstraße fast nie ihr optimales Temperaturfenster von über 80°C erreichen.
- Richtigen Reifentyp wählen: Ein moderner Sport-Touring-Reifen bietet bei kühlen 15°C mehr nutzbaren Grip und Sicherheit als ein kalter Rennreifen.
- Austauschkosten einplanen: Kalkulieren Sie beim Gebrauchtkauf eines Supersportlers eine Sofortinvestition von 300-400 € für neue, passende Reifen ein.
Vierzylinder oder V2:Motorradbekleidung und ECE-Norm: Worauf Sie bei Bußgeldgefahr achten müssen?
Wer A sagt wie „aggressive Beschleunigung“, muss auch B sagen wie „bestmöglicher Schutz“. Die Realität auf deutschen Straßen ist jedoch ernüchternd. Laut Unfallforschungen tragen erschreckend viele Motorradfahrer unzureichende Schutzkleidung. Eine Analyse des ADAC zeigt, dass 75% der analysierten Unfallopfer lediglich einen Helm ohne weiteren Körperschutz trugen. Auf einem Supersportler, dessen Potenzial zu hohen Geschwindigkeiten verleitet, ist das fahrlässig. Es geht hier nicht nur um Moral, sondern auch um handfeste rechtliche und finanzielle Konsequenzen. Moderne Schutzkleidung muss der ECE-Norm 22.06 (für Helme) bzw. den Schutzklassen (z.B. AAA, AA, A) der EN 17092 entsprechen.
Das Tragen von ungeeigneter Kleidung, wie einer normalen Jeans anstelle einer Motorradhose mit Protektoren, kann im Falle eines Unfalls von der Versicherung als grobe Fahrlässigkeit ausgelegt werden. Dies kann zu erheblichen Kürzungen der Versicherungsleistungen führen. Ein Bußgeld droht zwar primär nur bei fehlendem Helm, doch die indirekten Kosten durch Verletzungen und Versicherungsprobleme sind ungleich höher. Als Ex-Rennfahrer weiß ich: Auf der Strecke kalkuliert man das Risiko, aber man trägt immer den vollen Schutz. Auf der Straße ist das Risiko unkalkulierbar, daher ist kompletter Schutz keine Option, sondern eine Pflicht.

Die Investition in eine hochwertige, zertifizierte Ausrüstung ist die günstigste Lebensversicherung, die Sie abschließen können. Moderne Textilbekleidung bietet heute einen Schutz, der dem von Leder in nichts nachsteht, aber gleichzeitig mehr Komfort und Wetterfestigkeit im Alltag bietet. Vergessen Sie nie: Die Verkleidung Ihres Motorrads lässt sich ersetzen, Ihre Haut und Knochen nicht.
Bremsscheiben und Beläge: Warum der Unterhalt einer Superbike 3x teurer ist als bei einer Naked Bike?
Der Kaufpreis ist nur die Eintrittskarte. Die wahren Kosten eines Supersportlers offenbaren sich im Unterhalt, und hier sind die Bremsen ein Paradebeispiel. Während ein Satz hochwertiger Bremsbeläge für ein Naked Bike wie eine Yamaha MT-07 zwischen 30 und 50 Euro kostet, müssen Sie für die speziellen Sintermetall-Beläge einer Ducati Panigale mit 160 Euro und mehr rechnen. Diese Beläge sind, genau wie die Reifen, für extreme thermische Belastungen auf der Rennstrecke ausgelegt. Im Alltagsbetrieb mit seinen kurzen, sanften Bremsungen erreichen sie nie ihre optimale Betriebstemperatur, was zu einem schlechteren Ansprechverhalten und erhöhtem Verschleiß der teuren Bremsscheiben führen kann.
Doch die Kostenexplosion endet nicht bei den Teilen. Die Wartungsintervalle sind bei Supersportlern deutlich kürzer – oft alle 6.000 km statt der bei Naked Bikes üblichen 10.000 km. Zudem erfordern viele Arbeiten, wie das Entlüften des komplexen ABS-Systems, teures Spezialwerkzeug und Diagnosegeräte, was den Gang zur Markenwerkstatt unumgänglich macht. Mit Stundensätzen von 120 bis 150 Euro summiert sich das schnell. Der folgende Vergleich zeigt die dramatischen Unterschiede bei den jährlichen Betriebskosten.
Diese Gegenüberstellung verdeutlicht die finanziellen Dimensionen, wie eine vergleichende Analyse von Motorrad Online zeigt.
| Komponente | Supersportler (z.B. Ducati Panigale) | Naked Bike (z.B. Yamaha MT-07) |
|---|---|---|
| Bremsbeläge vorne (Satz) | 160€ (Brembo Racing) | 30-50€ (Standard) |
| Wartungsintervall | 6.000 km mit Ölwechsel | 10.000 km |
| Spezialwerkzeug erforderlich | Ja (Diagnosegerät für ABS) | Meist nicht |
| Stundensatz Markenwerkstatt | 120-150€ | 80-100€ |
| Gesamtkosten pro Jahr* | ~2.500€ | ~800€ |
Am Ende zahlen Sie also das Dreifache für eine Technologie, die Ihnen im legalen Rahmen keinen nennenswerten Vorteil bringt. Die Vernunft schreit hier nach einem Naked Bike, dessen Komponenten für den Straßeneinsatz optimiert sind – und Ihr Bankkonto wird es Ihnen danken.
Kilometerstand bei Sportlern: Warum Maschinen mit Rennstreckenbetrieb unverkäuflich werden?
Beim Kauf eines gebrauchten Supersportlers ist der Kilometerstand oft irreführend. Eine Maschine mit 10.000 km reiner Landstraßennutzung kann in einem besseren Zustand sein als eine mit nur 3.000 km, die regelmäßig auf der Rennstrecke bewegt wurde. Der Grund: Ein Kilometer auf der Rennstrecke entspricht einer Belastung von zehn bis zwanzig Kilometern auf der Straße. Permanentes Fahren am Drehzahllimit, extreme Bremsmanöver und hohe thermische Belastungen setzen Motor, Getriebe, Kupplung und Fahrwerk einem extremen Verschleiß aus.
Ein Motorrad, das für den Rennstreckenbetrieb genutzt wurde, ist daher auf dem Gebrauchtmarkt oft ein Ladenhüter – und das zu Recht. Verkäufer neigen dazu, diese Nutzung zu verschweigen. Als erfahrener Käufer müssen Sie daher Detektivarbeit leisten. Es gibt verräterische Anzeichen, die auf eine harte Vergangenheit hindeuten und die Sie unbedingt prüfen müssen. Diese Details können Ihnen Tausende von Euro an Folgekosten ersparen und Sie vor dem Kauf einer „verheizten“ Maschine bewahren. Wer diese Spuren findet, sollte entweder die Finger von dem Motorrad lassen oder den Preis massiv nach unten verhandeln.
Achten Sie auf die folgenden Erkennungsmerkmale für Rennstreckenbetrieb:
- Gebohrte Schraubenköpfe: Suchen Sie nach kleinen Löchern in Schrauben (z.B. an der Ölablassschraube oder den Bremssätteln), die für die Anbringung von Sicherungsdraht im Rennsport erforderlich sind.
- Abrieb am Reifen: Starke Abnutzung an den Reifenflanken („Angstrand“) und aufgerissener Gummi sind klare Indizien.
- Kratzer an Rasten und Hebeln: Abgeschliffene Rasten-Nippel oder Hebelenden deuten auf extreme Schräglagen und mögliche Stürze hin.
- Spuren von Reifenwärmern: Leichte Verfärbungen oder Schmelzspuren am Reifenrand können von Reifenwärmern stammen.
- Laptimer-Daten auslesen: Moderne Supersportler (wie BMW S1000RR oder Yamaha R1) speichern GPS-Daten und Rundenzeiten. Bitten Sie darum, diese Daten einsehen zu dürfen.
Der „Notsitz“ auf der Superbike: Wie Sie Ihrer Begleitung die Fahrt zur Qual machen
Ein Supersportler ist ein egoistisches Vergnügen. Das wird nirgends deutlicher als beim Blick auf den Soziussitz. Das Wort „Sitz“ ist hierbei oft schon eine Übertreibung; „Alibi-Polster“ oder „Notsitz“ trifft es besser. Die Ergonomie ist vollständig auf den Fahrer in einer vornübergebeugten Rennposition ausgerichtet. Für eine Begleitperson bedeutet das: extrem hoch angebrachte Fußrasten, die die Knie in einen schmerzhaften Winkel zwingen, kaum Haltmöglichkeiten und ein winziges Sitzpolster, das direkt über dem heißen Auspuff thront. Eine Tour zu zweit, die länger als die Fahrt zur nächsten Eisdiele dauert, wird schnell zur Tortur.
Die Aerodynamik ist für hohe Geschwindigkeiten optimiert, was den Sozius voll dem Winddruck aussetzt. Das permanente Festhalten am Fahrer und das Kämpfen gegen den Fahrtwind sind nicht nur unbequem, sondern auch anstrengend und unsicher. Wer regelmäßig plant, zu zweit zu fahren, sollte ehrlich zu sich selbst sein: Ein Supersportler ist dafür das denkbar ungeeignetste Fahrzeug. Die Freude am gemeinsamen Fahren weicht schnell Frustration und Schmerzen. Selbst Power-Naked-Bikes bieten hier einen deutlich besseren Kompromiss aus Sportlichkeit und Alltagstauglichkeit.

Wer den Traum vom sportlichen Fahren nicht aufgeben, aber auch den Partner nicht quälen möchte, findet in modernen Sporttourern die perfekte Lösung. Sie bieten eine entspannte Sitzposition für Fahrer und Sozius, guten Windschutz und ausreichend Platz, ohne dabei auf einen leistungsstarken Motor und ein agiles Fahrwerk verzichten zu müssen. Der Unterschied im Komfort ist, wie die Abbildung zeigt, Tag und Nacht.
Wohnort als Preistreiber: Warum die gleiche Leistung in München doppelt so viel kostet wie auf dem Land?
Ein oft übersehener Kostenfaktor bei Supersportlern ist die Versicherung, und deren Preis hängt maßgeblich von Ihrem Wohnort ab. Versicherungen teilen Deutschland in sogenannte Regionalklassen ein, die das lokale Unfall- und Diebstahlrisiko widerspiegeln. Ein leistungsstarkes Motorrad in einer Großstadt mit hoher Verkehrsdichte und Kriminalitätsrate zu versichern, ist ungleich teurer als auf dem Land. Der Unterschied ist nicht marginal, er kann die Prämie verdoppeln oder sogar verdreifachen. Laut der Regionalstatistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) gibt es extreme Unterschiede in den Indexwerten.
So hat beispielsweise Berlin mit einem Index von 173,54 die höchste Haftpflicht-Regionalklasse (Klasse 6), während der Bezirk Weser-Ems mit 75,53 die niedrigste (Klasse 1) aufweist. Für einen jungen Fahrer eines Supersportlers in München oder Hamburg kann die jährliche Versicherungsprämie leicht 2.000 € übersteigen, während der gleiche Fahrer in einer ländlichen Region in Brandenburg vielleicht nur 800 € zahlt. Dieser Faktor muss unbedingt vor dem Kauf in die Gesamtkostenrechnung einfließen. Ein Online-Vergleichsrechner gibt hier schnell Aufschluss. Eine Möglichkeit, die Kosten zu senken, ist ein Saisonkennzeichen, da Versicherer bei geringerer Jahresfahrleistung von einem niedrigeren Unfallrisiko ausgehen, was die Prämie positiv beeinflusst.
Zusätzlich spielen Faktoren wie die Unterbringung (Garage vs. Laternenparker) eine große Rolle, insbesondere bei der Teilkasko, die das Diebstahlrisiko abdeckt. Ein Supersportler ist ein begehrtes Objekt und wird ohne sicheren Abstellplatz schnell zur unbezahlbaren Belastung.
Die 6-Jahre-Regel: Warum alte Reifen auch mit gutem Profil gefährlich hart werden?
Ein häufiger und gefährlicher Fehler beim Kauf gebrauchter Motorräder, insbesondere bei wenig bewegten „Garagengold“-Supersportlern, ist die alleinige Beurteilung der Reifen anhand der Profiltiefe. Ein Reifen kann noch fast volles Profil haben und dennoch lebensgefährlich sein. Der Grund ist die sogenannte 6-Jahre-Regel, eine dringende Empfehlung von TÜV, ADAC und Reifenherstellern. Nach spätestens sechs Jahren ab Produktionsdatum (erkennbar am DOT-Code auf der Reifenflanke) verändern sich die chemischen Eigenschaften des Gummis fundamental.
Die Weichmacher, die für die Elastizität und den „chemischen Grip“ des Reifens verantwortlich sind, entweichen mit der Zeit. Der Gummi wird hart und spröde. Man kann es sich vorstellen wie bei einem alten Gummiband: Es sieht noch gut aus, aber beim ersten Versuch, es zu dehnen, reißt es. Ein solcher Reifen verliert die Fähigkeit, sich mit der Fahrbahnoberfläche zu verzahnen. Besonders bei Nässe oder kühleren Temperaturen ist der Grip dramatisch reduziert, der Bremsweg verlängert sich erheblich und das Risiko eines plötzlichen Gripverlustes in Schräglage steigt exponentiell. Gesetzlich vorgeschrieben ist diese Regel zwar nicht, aber im Falle eines Unfalls wird jeder Gutachter das Alter der Reifen prüfen. Stellt sich heraus, dass überalterte Reifen die Unfallursache waren, kann dies zu massiven versicherungsrechtlichen Problemen führen.
Gerade bei Supersportlern, die oft als Zweit- oder Drittmotorrad nur bei schönem Wetter bewegt werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, auf ein Exemplar mit alten, aber profilreichen Reifen zu stoßen. Der vermeintlich gute Zustand entpuppt sich dann als eine versteckte Sofortinvestition von 300 bis 400 Euro, die aus Sicherheitsgründen nicht aufgeschoben werden darf.
Das Wichtigste in Kürze
- Supersport-Technik (Reifen, Bremsen) ist für den legalen Straßenbetrieb ungeeignet, da sie ihr optimales Temperaturfenster nie erreicht und somit weniger Sicherheit bietet.
- Die Unterhaltskosten eines Supersportlers sind durch teure Spezialteile und kurze Wartungsintervalle bis zu dreimal höher als bei einem Naked Bike.
- Versteckte Kosten wie hohe Versicherungsprämien in städtischen Regionen und der sofortige Bedarf an neuen Reifen bei Gebrauchtkäufen machen den Traum schnell unbezahlbar.
Warum ein ADAC-Fahrsicherheitstraining Ihr Unfallrisiko um 30% senken kann?
Die schiere Leistung eines Supersportlers ist nutzlos und sogar gefährlich, wenn der Fahrer sie nicht beherrscht. Die Fähigkeit, in einer Notsituation richtig zu reagieren, entscheidet über Leben und Tod. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen die hohe Gefahr: Das Risiko, tödlich zu verunglücken, ist für Motorradfahrer viermal höher als für Autofahrer. Ein Supersportler mit seiner extremen Beschleunigung und den sensiblen Bremsen verzeiht keine Fehler. Hier kommt die entscheidende Rolle von professionellem Fahrtraining ins Spiel. Ein Fahrsicherheitstraining, wie es vom ADAC angeboten wird, ist keine „Fahrschule für Fortgeschrittene“, sondern ein gezieltes Training der Fahrzeugbeherrschung unter sicheren Bedingungen.
In diesen Trainings lernen Sie, das Potenzial Ihrer Maschine sicher zu nutzen. Sie üben Notbremsungen aus hohen Geschwindigkeiten, das Ausweichen vor plötzlichen Hindernissen und die richtige Blick- und Kurventechnik in Schräglage. Es geht darum, die eigenen Grenzen und die des Motorrads kennenzulernen, ohne sich und andere zu gefährden. Studien belegen, dass Teilnehmer solcher Trainings ihr Unfallrisiko um bis zu 30% senken können. Für Supersportler-Fahrer ist dies keine Option, sondern eine absolute Notwendigkeit. Es ist die beste Investition in die eigene Sicherheit, weit vor jedem teuren Zubehörteil. Viele Berufsgenossenschaften (BGHM) bezuschussen diese Kurse sogar.
Der ADAC und andere Anbieter haben spezielle Programme für verschiedene Erfahrungsstufen:
- Basis-Training: Ideal für Wiedereinsteiger oder Fahrer, die ihre Grundlagen auffrischen wollen.
- Intensiv-Training: Fokussiert auf die Verbesserung der Kurventechnik und das Handling bei höheren Geschwindigkeiten.
- Kurven-Training: Speziell zur Optimierung von Schräglage, Blickführung und Bremspunkten in Kurven.
- BMW Ride Experience: Kombiniert Trainingselemente mit einer geführten Ausfahrt zur Anwendung des Gelernten.
Bevor Sie also dem Lockruf der Rennstrecke nachgeben und eine sechsstellige Summe für ein Statussymbol ausgeben, bewerten Sie ehrlich Ihr Fahrprofil und die realen Kosten. Die klügste Investition ist nicht immer die schnellste Maschine, sondern die, die wirklich zu Ihnen, Ihrem Können und Ihrem Leben passt. Wahre Souveränität auf der Straße kommt nicht von der PS-Zahl, sondern vom Wissen um die eigenen Fähigkeiten und die Grenzen der Technik.
Häufig gestellte Fragen zu Supersportlern und Reifenalterung
Warum werden Reifen nach 6 Jahren gefährlich?
Die chemischen Weichmacher im Gummi entweichen mit der Zeit. Dadurch wird das Material spröde und hart, was zu einem drastischen Verlust des chemischen Grips führt. Der Reifen kann sich nicht mehr optimal mit der Fahrbahn verzahnen, was besonders bei Nässe und in Kurven gefährlich ist – vergleichbar mit einem alten Gummiband, das beim Dehnen reißt.
Ist die 6-Jahres-Regel gesetzlich vorgeschrieben?
Nein, es handelt sich nicht um ein Gesetz, sondern um eine dringende Sicherheitsempfehlung von Experten wie dem TÜV und dem ADAC. Im Falle eines Unfalls prüft ein Gutachter jedoch standardmäßig das DOT-Datum der Reifen. Stellt sich heraus, dass überalterte Reifen ursächlich waren, kann dies zu Problemen mit der Versicherung führen.
Was kostet der Reifenwechsel bei einem gebrauchten Supersportler?
Da Supersportler oft als Schönwetter-Fahrzeuge wenig bewegt werden, ist es üblich, dass selbst bei geringer Laufleistung noch die 8 Jahre alten Erstausrüster-Reifen montiert sind. Käufer sollten daher eine versteckte, aber notwendige Sofortinvestition von 300 bis 400 Euro für einen neuen Satz hochwertiger Reifen fest einplanen.