
Entgegen der landläufigen Meinung sind nicht teure Zubehörteile, sondern ein grundlegendes Verständnis der Biomechanik der Schlüssel zu schmerzfreien Motorradtouren.
- Die richtige Sitzhöhe ist nur der Anfang; das Zusammenspiel von Kniewinkel, Lenkerbreite und Sitzpolsterung bestimmt die tatsächliche Belastung Ihrer Wirbelsäule.
- Legale Umbauten wie Lenkererhöhungen erfordern in Deutschland oft teure Folgeanpassungen (z. B. Stahlflexleitungen) und eine ABE, um den Versicherungsschutz nicht zu gefährden.
Empfehlung: Analysieren Sie Ihr Motorrad als ein System biomechanischer Hebel, anstatt isolierte Probleme mit Einzelteilen zu lösen. Beginnen Sie mit einer strukturierten 30-minütigen Probefahrt, um die wahren Schwachstellen zu identifizieren.
Schmerzen im Rücken, taube Finger oder ein verspannter Nacken nach kaum 100 Kilometern auf dem Motorrad – für viele Fahrer, insbesondere jenseits der 40 oder mit Körpermaßen außerhalb der Norm, ist dies eine frustrierende Realität. Die Freude am Fahren wird von dem Gedanken überschattet, wie man die nächste Etappe überhaupt durchstehen soll. Der erste Impuls führt oft in den Zubehörkatalog: Eine Gelsitzbank muss her, vielleicht ein anderer Lenker oder eine höhere Windschutzscheibe. Man behandelt Symptome, in der Hoffnung, das Problem zu lösen.
Doch diese herkömmlichen Ansätze greifen oft zu kurz, weil sie die Ursache des Problems ignorieren. Sie betrachten das Motorrad als eine Ansammlung von Teilen, nicht als eine dynamische Erweiterung Ihres eigenen Körpers. Was aber, wenn der Schlüssel nicht im Austausch von Komponenten liegt, sondern im Verständnis der Kräfte, die auf Ihr Skelett wirken? Die Biomechanik lehrt uns, dass bereits kleine Änderungen an den Kontaktpunkten – dem „Kontaktpunkt-Dreieck“ aus Sitz, Lenker und Fußrasten – die gesamte Hebelwirkung und damit die Belastungsvektoren auf Wirbelsäule, Schultern und Gelenke fundamental verändern können.
Dieser Artikel verfolgt daher einen anderen Ansatz. Wir werden Ihr Motorrad nicht als Maschine, sondern als biomechanisches System betrachten. Anstatt Ihnen eine Einkaufsliste zu präsentieren, analysieren wir die physikalischen Prinzipien hinter dem Komfort. Sie lernen, wie Sie die Ergonomie Ihres Motorrads präzise auf Ihren Körper abstimmen, um Belastungen zu minimieren, anstatt sie nur umzuverteilen. So verwandeln Sie Ihr Motorrad in einen perfekt passenden Partner für Tausende von schmerzfreien Kilometern.
Um Ihnen eine klare und strukturierte Übersicht zu bieten, haben wir die wichtigsten Aspekte der Motorrad-Ergonomie in den folgenden Abschnitten detailliert aufgeschlüsselt. Das Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen schnellen Überblick über die Themen, die wir behandeln werden.
Inhaltsverzeichnis: Der biomechanische Ansatz für perfekte Motorrad-Ergonomie
- Die 3 Dinge, auf die Sie bei einer 30-minütigen Probefahrt unbedingt achten müssen
- Gelsitzbank oder Lammfell: Was hilft wirklich gegen Taubheitsgefühle nach 200 km?
- Sportler oder Tourer: Welcher Kniewinkel ist für Ihre Beinlänge noch gesund?
- Warum ein zu breiter Lenker im Stadtverkehr Ihre Schultern unnötig belastet?
- Hohe oder niedrige Scheibe: Was verursacht bei 1,85m Körpergröße die wenigsten Turbulenzen?
- Zu kurze Leitungen: Warum Sie bei der Lenkererhöhung zwingend Stahlflex nachrüsten müssen?
- Zu groß oder zu klein für das Wunschbike: Wann wird die Ergonomie zum Sicherheitsrisiko?
- Lenkererhöhung ohne ABE: Warum dieser kleine Umbau den Versicherungsschutz gefährdet?
Die 3 Dinge, auf die Sie bei einer 30-minütigen Probefahrt unbedingt achten müssen
Eine Probefahrt ist mehr als eine kurze Spritztour; sie ist die wichtigste diagnostische Phase zur Beurteilung der Ergonomie. Verlassen Sie sich nicht auf das erste Bauchgefühl. Eine systematische Vorgehensweise ist entscheidend, um die biomechanische Kompatibilität zwischen Ihnen und dem Motorrad zu testen. Es geht darum, gezielt Stress auf das System auszuüben und die Reaktionen Ihres Körpers zu beobachten. Die typische 10-Minuten-Runde um den Block reicht dafür bei Weitem nicht aus. Nehmen Sie sich mindestens 30 Minuten Zeit und folgen Sie einem klaren Protokoll, um die dynamische Ergonomie zu bewerten.
Die erste Phase fokussiert sich auf die Grundposition und Manövrierfähigkeit im Stand. Kommen Sie mit beiden Füßen sicher auf den Boden, nicht nur mit den Zehenspitzen? Dies ist kein reines Komfortmerkmal, sondern ein entscheidender Sicherheitsfaktor beim Rangieren und an Ampeln. Die Studie der Zeitschrift MOTORRAD zur Sitzhöhe hat gezeigt, dass bereits ab 810 mm Sitzhöhe eine 1,58 m große Fahrerin überlegen muss, wie sie an der Ampel balanciert, während ein 1,88 m großer Fahrer sich primär auf den Kniewinkel konzentriert. Prüfen Sie, ob Ihre Arme beim Greifen des Lenkers leicht angewinkelt sind, um Stöße abfedern zu können, anstatt sie direkt in die Schultern zu leiten.
In der zweiten Phase testen Sie die dynamische Belastung. Führen Sie auf einem sicheren Areal eine Vollbremsung durch. Müssen Sie sich mit durchgestreckten Armen abstützen? Das leitet die gesamte Bremsenergie als schädlichen Belastungsvektor in Ihre Schultergelenke und den Nacken. Fahren Sie enge Wendungen. Berühren Ihre Knie dabei den Lenker? Das schränkt nicht nur die Manövrierfähigkeit ein, sondern ist ein klares Zeichen für eine zu kompakte Ergonomie. Schließlich simulieren Sie in der dritten Phase den Alltagsstress: Fahren Sie Stop-and-Go, balancieren Sie bei Schrittgeschwindigkeit und fahren Sie bewusst über kleine Bodenwellen, um die Reaktion Ihrer Wirbelsäule auf Stöße zu testen.
Gelsitzbank oder Lammfell: Was hilft wirklich gegen Taubheitsgefühle nach 200 km?
Taubheitsgefühle und Schmerzen im Gesäß sind ein klares Signal für eine unzureichende Druckverteilung. Das Problem liegt oft nicht in der Weichheit der Sitzbank, sondern in der Entstehung von Druckspitzen (Hotspots), die die Blutzirkulation im Gewebe unterbinden. Eine Standard-Sitzbank ist für einen Durchschnittsfahrer konzipiert, aber selten ideal für lange Strecken oder individuelle Körperbauten. Während Lammfelle kurzfristig eine weichere Auflage bieten und Gel-Einlagen den Druck etwas verteilen, bekämpfen sie oft nur das Symptom, nicht die Ursache der ungleichmäßigen Belastung.

Die moderne Biomechanik setzt auf Materialien, die sich dem Körper anpassen und eine möglichst große Auflagefläche schaffen. Wie Experten der Sattlerei Königherz berichten, kann die Verwendung eines individuell angepassten Schaumstoffs, der die Sitzknochen entlastet und das Gewicht breitflächig verteilt, Taubheitsgefühle um bis zu 70% reduzieren. Hier spielen viskoelastische Schäume oder 3D-Mesh-Gewebe ihre Stärken aus. Sie reagieren nicht nur auf Druck, sondern auch auf Körperwärme und passen sich der individuellen Anatomie an, was zu einer drastischen Reduzierung von Druckspitzen führt.
Die Wahl des richtigen Materials ist daher eine strategische Entscheidung, die auf Langzeitkomfort und nicht auf den ersten Eindruck abzielt. Eine Gel-Einlage kann sich nach einigen Stunden hart anfühlen oder in der prallen Sonne überhitzen, während ein hochwertiger viskoelastischer Schaum über Stunden hinweg eine konstante Stützwirkung bietet.
Die folgende Tabelle, basierend auf einer vergleichenden Analyse moderner Sitzmaterialien, gibt einen Überblick über die Eigenschaften der gängigsten Optionen und hilft bei der Einordnung ihrer biomechanischen Wirksamkeit.
| Material | Druckverteilung | Langzeitkomfort | Preis |
|---|---|---|---|
| Gel-Einlagen | Gut | Mittel (verhärtet nach 2-3 Jahren) | 80-150€ |
| Viskoelastischer Schaum | Sehr gut | Hoch | 150-250€ |
| 3D-Mesh-Gewebe | Gut | Sehr hoch (atmungsaktiv) | 200-300€ |
| Lammfell | Mittel | Mittel (wetterabhängig) | 50-100€ |
Sportler oder Tourer: Welcher Kniewinkel ist für Ihre Beinlänge noch gesund?
Der Kniewinkel ist einer der kritischsten, aber am häufigsten ignorierten ergonomischen Faktoren. Er bestimmt nicht nur den Komfort auf langen Strecken, sondern auch die Belastung der Kniegelenke, die Durchblutung der Beine und die Fähigkeit, das Körpergewicht zur Steuerung des Motorrads einzusetzen. Ein zu spitzer Winkel, wie er bei Sportmotorrädern üblich ist, führt zu einer permanenten Kompression des Kniegelenks und kann die Blutzufuhr einschränken, was zu Krämpfen und schnellerer Ermüdung führt. Ein zu offener Winkel auf einem Chopper kann hingegen die Stabilität und das Gefühl für das Motorrad beeinträchtigen.
Aus biomechanischer Sicht ist die Neutralstellung der Gelenke anzustreben, bei der die Belastung minimal ist. Für Tourenfahrer, die stundenlang im Sattel sitzen, hat sich ein optimaler Kniewinkel von 90° bis 115° als ideal erwiesen. In diesem Bereich ist eine entspannte Haltung möglich, ohne die Kniegelenke übermäßig zu belasten. Bei sportlicher Fahrweise kann der Winkel auf 60-85° sinken, was jedoch nur für kurze Zeiträume ohne gesundheitliche Folgen tolerierbar ist. Ein Forumsnutzer auf MOTOR-TALK fasst die Realität eines zu engen Winkels treffend zusammen:
Ein Kniewinkel von 63 Grad ist nun mal sehr eng. Bequem ist da gar nix dran. Lässt man es mal fliegen und stehen die Ballen auf den Rasten, dann wird der Kniewinkel nochmal enger.
– Motorrad-Forum MOTOR-TALK Nutzer, MOTOR-TALK Forum
Die gute Nachricht ist, dass der Kniewinkel kein Schicksal ist. Er lässt sich durch verstellbare oder ausgetauschte Fußrastenanlagen oft um entscheidende Zentimeter anpassen. Bevor Sie jedoch in teure Teile investieren, sollten Sie Ihren aktuellen Kniewinkel präzise ermitteln. Dies gibt Ihnen eine objektive Datengrundlage für weitere Entscheidungen.
Ihr Aktionsplan: Den eigenen Kniewinkel präzise ermitteln
- Vorbereitung: Motorrad auf den Hauptständer stellen oder von einer Hilfsperson sicher halten lassen.
- Position einnehmen: Nehmen Sie Ihre normale Fahrposition ein, mit den Fußballen auf den Rasten.
- Dokumentation: Bitten Sie die Hilfsperson, ein Foto genau von der Seite (im 90-Grad-Winkel zu Ihnen) zu machen.
- Messung: Verwenden Sie eine Smartphone-App (z.B. einen Winkelmesser) oder ein Geodreieck am Bildschirm, um den Winkel zwischen Oberschenkel und Unterschenkel im Foto zu messen.
- Analyse: Vergleichen Sie den gemessenen Wert mit den biomechanischen Empfehlungen (Tourer: 90-115°, Sportler: 60-85°) und identifizieren Sie den Handlungsbedarf.
Warum ein zu breiter Lenker im Stadtverkehr Ihre Schultern unnötig belastet?
Die Lenkerbreite und -höhe definieren die Haltung des gesamten Oberkörpers und sind somit ein entscheidender Hebel für die Ergonomie. Ein häufiger Fehler ist die Annahme, ein breiter Lenker sei immer komfortabler. Während er bei langsamer Fahrt eine gute Kontrolle vermitteln kann, führt er biomechanisch zu einer permanenten Anspannung der Trapezmuskulatur und einer unnatürlichen Abspreizung der Schultergelenke. Dies erzeugt einen statischen Halteaufwand, der besonders im Stadtverkehr mit seinen häufigen Lenkbewegungen und Stopps zu schnellen Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich führt.
Die ideale Lenkerbreite entspricht in etwa Ihrer Schulterbreite plus einer Handbreit auf jeder Seite. In dieser Position können die Arme leicht angewinkelt bleiben, und die Handgelenke befinden sich in einer neutralen, geraden Position. Eine biomechanische Analyse zeigt, dass die Lenkerergonomie direkt die Belastung der Handgelenke und des Rückens beeinflusst. Ist der Lenker zu breit, zu tief oder zu stark zum Fahrer hin gekröpft, kann dies zu einer ungesunden Körperhaltung führen. Die Folge sind nicht nur Schmerzen in den Schultern, sondern auch in den Handgelenken, da diese unnatürlich abknicken, um den Lenker zu greifen.
Besonders kritisch wird es bei Umbauten. Der coole, breite Lenker aus dem Zubehörkatalog mag optisch ansprechend sein, aber wenn er nicht zu Ihrer Körpergeometrie passt, erkaufen Sie sich die Optik mit Schmerzen und einem potenziellen Sicherheitsrisiko durch langsamere Reaktion und schnellere Ermüdung. Die richtige Einstellung ist ein Prozess der Feinjustierung, bei dem es um Millimeter geht.
Biomechanische Analyse der Lenkerbreite
Die Lenkerhöhe und die Lenkerbreite beeinflussen maßgeblich die Haltung des Oberkörpers und die Belastung der Handgelenke. Wie eine Analyse von Fachexperten zeigt, ist die richtige Kröpfung (Biegung nach hinten) ebenso wichtig. Ist der Lenker zu tief, zu schmal oder zu stark gekrümmt, kann das Schmerzen in den Handgelenken, im Rücken und in den Schultern verursachen, da die Gelenke in eine unnatürliche Position gezwungen werden.
Hohe oder niedrige Scheibe: Was verursacht bei 1,85m Körpergröße die wenigsten Turbulenzen?
Die Windschutzscheibe ist ein zweischneidiges Schwert. Ihr Ziel ist es, den Winddruck vom Oberkörper des Fahrers zu nehmen und so eine entspanntere Haltung zu ermöglichen. Eine schlecht konzipierte oder falsch eingestellte Scheibe kann jedoch das Gegenteil bewirken: laute, unangenehme Helm-Turbulenzen. Diese Verwirbelungen erzeugen nicht nur Lärm, sondern auch eine konstante, zermürbende Belastung für die Nackenmuskulatur, die versucht, den Kopf gegen die schüttelnden Luftströme zu stabilisieren. Dies ist eine der häufigsten Ursachen für Nackenschmerzen auf langen Touren.

Die Intuition „höher ist besser“ ist hier oft ein Trugschluss. Eine sehr hohe Scheibe kann den Luftstrom genau auf die Oberkante des Helms lenken und dort maximale Verwirbelungen erzeugen. Für einen Fahrer mit 1,85 m Körpergröße kann eine niedrigere Scheibe, die einen sauberen, ungestörten Luftstrom auf den Oberkörper und Helm lenkt („clean air“), oft die komfortablere Lösung sein. Der gleichmäßige Druck ist für die Muskulatur weniger anstrengend als die unberechenbaren Stöße von Turbulenzen.
Moderne aerodynamische Konzepte, wie das MRA Vario-Screen System, setzen daher auf eine gezielte Luftstromlenkung. Tests haben gezeigt, dass eine niedrigere Grundscheibe in Kombination mit einem verstellbaren Spoiler oft die besten Ergebnisse liefert. Der Spoiler hebt den Luftstrom gezielt über den Helm hinweg, ohne die bei hohen Scheiben typischen Verwirbelungen direkt im Sichtfeld zu erzeugen. Die Kunst liegt darin, den Luftstrom so zu formen, dass eine „stille Tasche“ um den Helm entsteht, anstatt eine massive Wand gegen den Wind zu errichten.
Windschutzscheiben-Aerodynamik verstehen
Tests mit Systemen wie dem MRA Vario-Screen zeigen eindrücklich den Unterschied: Eine niedrigere Scheibe, die einen sauberen Luftstrom erzeugt, führt oft zu weniger Turbulenzen als eine hohe Scheibe, die Verwirbelungen direkt auf Helmhöhe verursacht. Der entscheidende Faktor ist nicht die Höhe der Scheibe, sondern die Qualität des Luftstroms. Ein kleiner, verstellbarer Spoiler kann hier effektiver sein als eine große, starre Fläche, da er den Luftstrom präzise über den Fahrer hinwegleitet.
Zu kurze Leitungen: Warum Sie bei der Lenkererhöhung zwingend Stahlflex nachrüsten müssen?
Eine Lenkererhöhung oder ein breiterer Lenker sind beliebte Umbauten zur Verbesserung der Ergonomie. Doch dieser Eingriff hat oft ungeahnte und kostspielige Folgearbeiten. Das Hauptproblem: Die originalen Brems- und Kupplungsleitungen sowie die Elektrokabel sind vom Hersteller exakt auf die Serien-Lenkerposition ausgelegt. Schon eine Erhöhung um wenige Zentimeter kann dazu führen, dass die Leitungen bei vollem Lenkeinschlag unter Spannung geraten. Dies ist nicht nur ein Sicherheitsrisiko – eine gespannte Bremsleitung kann im Extremfall reißen oder die Bremswirkung beeinträchtigen –, sondern kann auch die Lenkbewegung behindern.
Daher ist es in den meisten Fällen zwingend erforderlich, im Zuge einer Lenkeranpassung auch längere Leitungen zu verbauen. Hierbei bieten sich Stahlflexleitungen als Upgrade an. Sie sind nicht nur in individuellen Längen erhältlich, sondern bieten auch einen präziseren Druckpunkt der Bremse, da sie sich unter Druck nicht ausdehnen wie Gummi-Leitungen. Diese Notwendigkeit verwandelt einen vermeintlich kleinen Umbau in ein größeres Projekt mit entsprechenden Kosten. Fachleute kalkulieren die Gesamtkosten für eine Lenkererhöhung oft realistisch mit etwa 60€ für die Erhöhung selbst, aber zusätzlich 200-300€ für einen Satz Stahlflexleitungen und weitere 50-100€ für die Montage und das Entlüften des Bremssystems.
Diese Kosten müssen von Anfang an in die Planung einbezogen werden, um böse Überraschungen zu vermeiden. Die Investition in längere Leitungen ist keine Option, sondern eine sicherheitsrelevante Notwendigkeit. Zu ignorieren, dass die Leitungen spannen, ist grob fahrlässig und gefährdet nicht nur Sie selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer. Die biomechanische Verbesserung durch den neuen Lenker wird wertlos, wenn die grundlegende Funktion des Motorrads beeinträchtigt ist.
Zu groß oder zu klein für das Wunschbike: Wann wird die Ergonomie zum Sicherheitsrisiko?
Die emotionale Bindung zum Wunschmotorrad ist stark, aber sie darf niemals die rationalen Sicherheitsüberlegungen ausblenden. Eine unpassende Ergonomie ist nicht nur unbequem, sie ist ein signifikantes Sicherheitsrisiko. Die Fähigkeit, das Motorrad in jeder Situation – insbesondere in unvorhergesehenen Notfällen – sicher zu beherrschen, muss immer Vorrang haben. Es gibt klare biomechanische Grenzen, an denen Komfort in Gefahr umschlägt.
Für kleinere Fahrer ist der kritischste Punkt der sichere Stand. Wenn an einer abschüssigen Ampel oder beim Rangieren auf unebenem Grund nicht mindestens ein Fußballen, besser der ganze Fuß, sicher den Boden erreicht, ist die Kontrolle über die 200+ kg Maschine stark eingeschränkt. Das ständige „Suchen“ nach Gleichgewicht führt zu Unsicherheit und kann in einem simplen Umfaller enden, der bei höherer Geschwindigkeit eine Katastrophe wäre. Der ADAC definiert hier klare Kriterien, wann die Körpergröße zum Risiko wird.
Für große Fahrer liegen die Gefahren woanders. Ein zu enger Kniewinkel führt nicht nur zu Schmerzen, sondern verlagert den Körperschwerpunkt nach oben, was die Stabilität in Kurven beeinträchtigen kann. Das größte Risiko ist jedoch die Kollision der Knie mit dem Lenker bei vollem Lenkeinschlag. Dies kann beim Rangieren oder in einer engen Kehre die Lenkbewegung blockieren und unweigerlich zum Sturz führen. Wenn ein Notmanöver wie ein schnelles Ausweichen nicht ohne körperliche Einschränkungen möglich ist, ist die absolute Sicherheitsgrenze erreicht und das Motorrad objektiv ungeeignet.
Checkliste: Sicherheitskritische Ergonomie-Punkte
- Für kleine Fahrer: Erreicht nicht mindestens ein Fußballen bei geradem Stand sicher den Boden? (Rote Flagge)
- Für große Fahrer: Berühren die Knie beim Rangieren oder bei vollem Lenkeinschlag den Lenker? (Rote Flagge)
- Im Stand: Müssen Sie an der Ampel aktiv das Gleichgewicht suchen oder auf eine Seite „rutschen“? (Kritisch)
- In der Kurve: Fühlen Sie sich durch einen veränderten Schwerpunkt instabil oder unsicher? (Gefährlich)
- Notmanöver: Können Sie ein schnelles Ausweichmanöver oder eine Vollbremsung ohne Behinderung durch die Ergonomie durchführen? (Absolute Grenze)
Das Wichtigste in Kürze
- Schmerzfreies Fahren ist das Ergebnis einer harmonischen Abstimmung des Kontaktpunkt-Dreiecks (Sitz, Lenker, Rasten), nicht der Kauf teurer Einzelteile.
- Der Kniewinkel ist ein entscheidender Hebel für den Langstreckenkomfort; ein Winkel zwischen 90° und 115° ist für Tourenfahrer biomechanisch ideal.
- In Deutschland ist bei vielen Ergonomie-Umbauten (z. B. Lenker) eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) oder eine teure Einzelabnahme durch TÜV/DEKRA zwingend, um den Versicherungsschutz nicht zu verlieren.
Lenkererhöhung ohne ABE: Warum dieser kleine Umbau den Versicherungsschutz gefährdet?
In Deutschland unterliegen sicherheitsrelevante Fahrzeugteile strengen Vorschriften. Ein Lenker ist ein solches Teil, da er die grundlegende Kontrolle über das Fahrzeug ermöglicht. Ein Umbau mit Teilen ohne Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) führt zum sofortigen Erlöschen der Betriebserlaubnis des gesamten Motorrads. Dies ist keine bürokratische Schikane, sondern eine grundlegende Sicherheitsmaßnahme. Die ABE garantiert, dass das Bauteil auf Festigkeit, Materialqualität und Passgenauigkeit für ein spezifisches Motorradmodell geprüft wurde.
Die Konsequenzen sind gravierend. Fahren Sie mit einem Motorrad, dessen Betriebserlaubnis erloschen ist, begehen Sie eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld und Punkten in Flensburg geahndet wird. Viel schlimmer sind jedoch die versicherungsrechtlichen Folgen im Falle eines Unfalls. Wie die DEKRA warnt, kann die Versicherung die Leistung komplett verweigern – selbst wenn der illegale Umbau nicht die Unfallursache war. Die bloße Tatsache, dass das Fahrzeug nicht mehr dem genehmigten Zustand entsprach, reicht aus, um den Versicherungsschutz zu verlieren. Sie haften dann mit Ihrem Privatvermögen für alle entstandenen Schäden, was existenzbedrohend sein kann.
Die Verwendung der Umrüstung ist grundsätzlich an alle Kraftfahrttypen mit Typgenehmigung (ABE oder EG-BE) bei ansonsten serienmäßiger Ausrüstung zulässig. Das bedeutet, ist ein anderes Teil als Serie verbaut, wie Bremsbeläge, Scheibe, Hebel, etc., heißt das im Ergebnis: keine BE mehr!
– TÜV-Prüfstelle, RT-Freunde Forum
Wenn für das gewünschte Teil keine ABE verfügbar ist, gibt es den Weg der teureren und aufwendigeren Einzelabnahme bei einer Prüforganisation wie TÜV oder DEKRA. Hier wird der Umbau individuell geprüft und bei positivem Ergebnis in die Fahrzeugpapiere eingetragen. Dies ist der einzig legale Weg, um ein nicht-ABE-konformes Teil zu verwenden. Der Kauf billiger, ungeprüfter Teile aus dem Internet ist ein Spiel mit dem Feuer, das den angestrebten Komfortgewinn in keiner Weise rechtfertigt.
Beginnen Sie noch heute mit einer systematischen Analyse Ihres Kontaktpunkt-Dreiecks und prüfen Sie alle geplanten Umbauten auf ihre rechtliche Konformität. So stellen Sie sicher, dass die nächste Tour nicht nur die komfortabelste, sondern auch eine rundum sichere wird.