
Entgegen der landläufigen Meinung führt die Verwendung von Zubehörteilen nicht automatisch zum Garantieverlust – entscheidend ist der Nachweis, dass das Teil den Schaden verursacht hat.
- Fehlende Spezifikationen (z.B. falsches Öl) oder eine fehlende Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) sind die häufigsten Gründe für eine abgelehnte Garantie.
- Eine lückenlose Dokumentation Ihrer Wartungsarbeiten ist Ihr stärkster Trumpf im Schadensfall, egal ob in der Vertrags- oder freien Werkstatt.
Empfehlung: Sparen Sie gezielt bei Teilen mit nachweisbarer Qualität und gültiger ABE, aber niemals bei sicherheitsrelevanten Komponenten oder der fundamentalen Erstinspektion.
Jeder Motorradfahrer kennt den Zwiespalt: Die Verlockung, im Internet günstige Ersatz- und Zubehörteile zu bestellen, ist groß. Gleichzeitig nagt die Sorge im Hinterkopf, bei einem Defekt auf den Kosten sitzen zu bleiben, weil der Hersteller die Garantie verweigert. Die Diskussionen in Foren und am Stammtisch sind oft von Halbwissen geprägt. Viele glauben, dass nur die Verwendung von teuren Originalteilen (OEM) und der Service in der Vertragswerkstatt die Garantie sichern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Als Sachbearbeiter in der Garantieabwicklung sehe ich täglich, woran Ansprüche wirklich scheitern. Es ist selten die Tatsache, dass ein Zubehörteil verbaut wurde. Vielmehr geht es um einen handfesten juristischen Grundsatz: den Kausalitätsnachweis. Der Hersteller muss beweisen, dass Ihr günstiger Bremshebel oder das preiswerte Öl den teuren Motorschaden direkt verursacht hat. Gelingt ihm das, ist die Garantie für den betroffenen Bereich hinfällig. Gelingt es ihm nicht, muss er zahlen. Der Unterschied zwischen Sparen und einem finanziellen Desaster liegt also nicht im Preis des Teils, sondern im Detail: in Spezifikationen, Gutachten und vor allem in der Dokumentation.
Die wahre Gefahr lauert nicht im Kauf von Zubehör an sich, sondern in der Unkenntnis über die technischen und rechtlichen Fallstricke. Viele Biker tappen unwissentlich in die „Dokumentationsfalle“ oder ignorieren die Bedeutung von Prüfzeichen wie der Allgemeinen Betriebserlaubnis (ABE). Dieser Artikel nimmt Sie mit hinter die Kulissen der Garantieabwicklung. Ich zeige Ihnen anhand konkreter Beispiele aus der Praxis, wo die echten K.O.-Kriterien liegen und wie Sie Ihr Motorrad kostengünstig warten können, ohne Ihre Garantieansprüche leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
Dieser Leitfaden ist Ihr Blick hinter die Kulissen der Garantieabwicklung. Wir werden die häufigsten Fehler analysieren, von der Wahl des Motoröls bis hin zu den Folgen ignorierter Sicherheitsrückrufe, damit Sie fundierte Entscheidungen treffen können.
Inhaltsverzeichnis: Garantiefallen bei der Motorradwartung vermeiden
- Autoöl im Motorrad: Warum rutscht die Kupplung, wenn Sie das falsche Öl einfüllen?
- Nach Gefühl festziehen: Warum „fest“ bei Alufelgen oft „ab“ bedeutet?
- Sicherheitsrückruf ignoriert: Legt das KBA Ihr Motorrad still, wenn Sie nicht in die Werkstatt fahren?
- Motorsteuerung Update: Warum läuft das Bike nach der Inspektion plötzlich anders?
- Reifenbindung ausgetragen: Dürfen Sie heute jeden Reifen fahren, der die Dimensionen erfüllt?
- Billige Bremshebel aus China: Warum sie brechen und warum der Versicherungsschutz erlischt?
- Die 1000er Inspektion: Warum Sie diese 200 € beim Neukauf unbedingt einplanen müssen?
- Vertragswerkstatt oder Freie Werkstatt: Wo sparen Sie bei der Inspektion bis zu 40%?
Autoöl im Motorrad: Warum rutscht die Kupplung, wenn Sie das falsche Öl einfüllen?
Einer der klassischsten und teuersten Fehler, den Sparfüchse machen: Sie greifen zum günstigen Autoöl aus dem Baumarkt. Was auf den ersten Blick wie eine clevere Ersparnis wirkt, ist aus Sicht der Garantieabwicklung ein rotes Tuch. Der Grund liegt in einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Motorräder haben meist eine im Ölbad laufende Kupplung (Nasskupplung). Autoöle enthalten oft reibwertmindernde Additive, um den Kraftstoffverbrauch zu senken. Genau diese Additive sind Gift für eine Motorradkupplung.
In der Praxis führt dies dazu, dass die Kupplungslamellen keinen ausreichenden Kraftschluss mehr finden. Das Resultat: Die Kupplung beginnt zu rutschen, besonders bei starker Beschleunigung. Der Motor heult auf, aber die Kraft kommt nicht am Hinterrad an. Für uns als Garantieprüfer ist der Fall hier klar: Das falsche Öl hat zu einem vorzeitigen Verschleiß der Kupplung geführt. Der Kausalitätsnachweis ist trivial. Der Austausch der Kupplung wird nicht von der Garantie gedeckt, und Sie tragen die Kosten von mehreren hundert Euro selbst.
Die entscheidende Kennzeichnung, die Sie suchen müssen, ist die JASO-Spezifikation (Japanese Automotive Standards Organization). Nur Öle mit der Kennzeichnung JASO MA oder MA2 sind für Nasskupplungen freigegeben. Diese Spezifikation garantiert, dass das Öl die notwendigen Reibwerte für eine einwandfreie Funktion der Kupplung aufweist. Moderne Motorräder mit hohem Drehmoment profitieren besonders von der MA2-Norm, da laut aktuellen Spezifikationen JASO MA2 noch höhere Reibwerte als MA bietet. Öle mit der Kennzeichnung JASO MB sind für Roller mit Trockenkupplung gedacht und im Motorrad tabu.
Wenn Sie also beim Öl sparen wollen, dann tun Sie es, indem Sie ein günstiges Öl der korrekten Spezifikation kaufen, aber niemals, indem Sie zur unpassenden Ölsorte greifen. Der scheinbare Vorteil von 20 Euro Ersparnis kann schnell zu einer Reparaturrechnung von 500 Euro führen.
Nach Gefühl festziehen: Warum „fest“ bei Alufelgen oft „ab“ bedeutet?
„Handfest“ oder „nach Gefühl“ sind Begriffe, die in einer Werkstatt nichts zu suchen haben, schon gar nicht bei sicherheitsrelevanten Bauteilen wie den Rädern. Besonders bei modernen Alufelgen ist das korrekte Anzugsdrehmoment keine Empfehlung, sondern eine absolute Notwendigkeit. Ein falsches Drehmoment ist eine tickende Zeitbombe und im Garantiefall ein klarer Fall von unsachgemäßer Handhabung.
Das Problem hat zwei Seiten: Ziehen Sie die Radschrauben zu lasch an, können sie sich während der Fahrt lösen. Das Rad beginnt zu wackeln und kann im schlimmsten Fall abfallen. Ziehen Sie die Schrauben jedoch zu fest an – ein häufiger Fehler bei der Verwendung von Schlagschraubern ohne Drehmomentbegrenzung – überdehnen Sie das Material der Schrauben und der Felge. Dies kann zu Haarrissen in der Alufelge oder zum Abscheren der Radbolzen führen. Beides sind Szenarien mit potenziell katastrophalen Folgen.
Praxisfall: Die Folgen falscher Anzugsdrehmomente bei Alufelgen
Eine von einer Fachwerkstatt durchgeführte Untersuchung dokumentierte die typischen Schäden durch unsachgemäßes Anziehen. Ein zu hohes Drehmoment führte zu sichtbaren Rissen an den Bohrungen der Alufelge und zu plastisch verformten, also dauerhaft überdehnten Radschrauben. Ein weiterer kritischer Fehler wurde bei der Verwendung von gefetteten Radschrauben festgestellt: Selbst bei korrekt eingestelltem Drehmomentschlüssel entsteht durch die reduzierte Reibung eine viel zu hohe Vorspannkraft, die die Felge beschädigen kann. Entscheidend ist auch die Anweisung, die Radschrauben nach den ersten 50-100 Kilometern Fahrt nachzuziehen, da sich das Material setzen und die Schrauben sich lockern können.
Für uns in der Garantieabwicklung ist ein Schaden, der auf ein falsches Anzugsdrehmoment zurückzuführen ist, einfach zu identifizieren. Verformte Schrauben oder Risse an den Felgenbohrungen sind eindeutige Indizien. Die vom Hersteller vorgegebenen Werte sind präzise und müssen mit einem kalibrierten Drehmomentschlüssel eingehalten werden.
Die genauen Werte variieren je nach Fahrzeug und Felgentyp. Als Orientierung dient die folgende Übersicht:
| Fahrzeugtyp | Anzugsdrehmoment Alufelgen | Anzugsdrehmoment Stahlfelgen |
|---|---|---|
| PKW Standard | 110-140 Nm | 90-120 Nm |
| SUV/Transporter | 200-400 Nm | 150-350 Nm |
| 16-Zoll-Felgen | 110-130 Nm | 90-110 Nm |
Vergessen Sie also das „Gefühl“ und verlassen Sie sich auf die exakten Newtonmeter-Vorgaben des Herstellers. Es ist eine der einfachsten und wichtigsten Maßnahmen, um Sicherheit und Garantieanspruch zu gewährleisten.
Sicherheitsrückruf ignoriert: Legt das KBA Ihr Motorrad still, wenn Sie nicht in die Werkstatt fahren?
Ein Brief vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) oder direkt vom Hersteller im Briefkasten sorgt selten für Freude. Meist kündigt er einen Sicherheitsrückruf an. Viele Halter empfinden dies als lästig und schieben den Werkstattbesuch auf – ein fataler Fehler, der nicht nur die Garantie, sondern auch die Betriebserlaubnis und den Versicherungsschutz gefährdet. Ein Rückruf wird vom KBA nur bei einer „ernsten Gefährdung“ angeordnet. Ignorieren Sie diese Warnung, handeln Sie grob fahrlässig.
Im Schadensfall ist die Prüfung für uns als Garantieabwickler denkbar einfach: Wir gleichen die Fahrgestellnummer mit den Datenbanken des KBA und des Herstellers ab. Wurde ein offener, sicherheitsrelevanter Rückruf nicht durchgeführt und der aufgetretene Schaden steht im Zusammenhang mit dem fehlerhaften Bauteil, wird jeder Garantie- und Kulanzanspruch pauschal abgelehnt. Die Argumentation ist simpel: Der Halter wurde über die Gefahr informiert und hat es versäumt, den Mangel kostenlos beheben zu lassen.
Ein brandaktuelles Beispiel aus Deutschland ist der Rückruf für die BMW R 1300 GS im Jahr 2024. Wegen eines fehlerhaften Starterrelais bestand akute Brandgefahr. Laut KBA-Angaben vom Juli 2024 umfasst der Rückruf allein in Deutschland 5.214 Fahrzeuge. Das KBA dokumentierte einen realen Brandfall, woraufhin BMW sogar eine Ausliefersperre verhängte. Würde ein Halter diesen Rückruf ignorieren und es käme zu einem Schaden durch das Relais, stünde er ohne jeglichen Anspruch da.

Doch die Konsequenzen gehen noch weiter. Das KBA überwacht die Rückrufquoten. Reagiert ein Halter auch auf wiederholte Aufforderungen nicht, kann die zuständige Zulassungsstelle informiert werden. Diese kann dann eine Frist zur Mängelbeseitigung setzen und im Extremfall den Betrieb des Fahrzeugs untersagen – also eine Zwangsstilllegung anordnen. Spätestens bei der nächsten Hauptuntersuchung (HU) wird ein offener, sicherheitsrelevanter Rückruf als „erheblicher Mangel“ eingestuft, was die Verweigerung der Prüfplakette zur Folge hat.
Betrachten Sie einen Rückruf also nicht als lästige Pflicht, sondern als kostenlosen Service, der die Sicherheit und den Wert Ihres Motorrads erhält. Die paar Stunden in der Werkstatt sind eine kleine Investition im Vergleich zum Totalverlust von Garantie und Betriebserlaubnis.
Motorsteuerung Update: Warum läuft das Bike nach der Inspektion plötzlich anders?
Sie holen Ihr Motorrad von der Inspektion ab und stellen fest: Das Ansprechverhalten hat sich geändert, die Leistung fühlt sich anders an oder der Motor klingt nicht mehr wie gewohnt. Der Grund dafür ist oft ein vom Hersteller aufgespieltes Software-Update für die Motorsteuerung (ECU). Diese Updates werden häufig ohne explizite Nachfrage im Rahmen der normalen Servicearbeiten installiert. Doch was gut gemeint ist, führt nicht immer zur Freude des Besitzers.
Aus Sicht des Herstellers dienen diese Updates oft der Optimierung von Abgaswerten, der Behebung von Softwarefehlern oder der Anpassung an neue rechtliche Rahmenbedingungen. Manchmal werden sie auch im Rahmen von „stillen Rückrufen“ aufgespielt, um bekannte, aber nicht sicherheitskritische Probleme zu beheben. Ein Beispiel ist die Aussage des Kraftfahrt-Bundesamts bezüglich eines BMW-Rückrufs: „Bei betroffenen Fahrzeugen wird das Halbleiter-Starterrelais gegen ein konventionelles elektromagnetisches Starterrelais … ausgetauscht, verbunden mit einem Software-Update„. Hier ist das Update Teil einer technischen Umrüstung.
Für den Fahrer kann dies jedoch unerwünschte Nebenwirkungen haben. Eine sanftere Gasannahme kann als „träge“ empfunden werden, und eine Anpassung der Zünd- und Einspritzkennfelder zur Einhaltung strengerer Emissionsgrenzen kann objektiv zu einem leichten Leistungsverlust führen. Im Garantiefall ist die Lage komplex. Der Hersteller wird argumentieren, dass das Update zur Aufrechterhaltung der Betriebssicherheit und Konformität notwendig war. Ein Anspruch auf Wiederherstellung des alten Software-Standes ist rechtlich schwer durchsetzbar, insbesondere wenn das Update sicherheits- oder zulassungsrelevant war.
Als Besitzer haben Sie jedoch Handlungsoptionen, um nicht völlig überrascht zu werden:
- Fragen Sie vor jeder Inspektion proaktiv, ob Software-Updates geplant sind und welche Änderungen diese bewirken.
- Bei sicherheitsrelevanten Updates (offizielle Rückrufe) ist eine Ablehnung nicht möglich und auch nicht ratsam.
- Bei reinen „Komfort-“ oder „Performance-„Updates, die nicht sicherheitsrelevant sind, können Sie die Installation ablehnen. Dies sollten Sie sich jedoch schriftlich bestätigen lassen, um im Garantiefall nicht benachteiligt zu werden.
- Sollten Sie nach einem Update mit der Motorcharakteristik unzufrieden sein, suchen Sie das Gespräch mit der Werkstatt und bitten Sie um eine Erklärung und mögliche Lösungen.
Ein offener Dialog mit Ihrer Werkstatt ist der beste Weg, um unerwünschte Überraschungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass Ihr Motorrad so läuft, wie Sie es sich wünschen – ohne dabei die Garantiebedingungen zu verletzen.
Reifenbindung ausgetragen: Dürfen Sie heute jeden Reifen fahren, der die Dimensionen erfüllt?
Die Zeiten der strengen Reifenfabrikatsbindung sind für die meisten modernen Motorräder vorbei. Früher war im Fahrzeugschein exakt vorgeschrieben, welcher Reifenhersteller und welches Modell gefahren werden durfte. Heute steht dort in der Regel nur noch die Reifendimension. Das verleitet viele zu dem Trugschluss, man könne jeden beliebigen Reifen montieren, solange die Größe stimmt. Ein gefährlicher und potenziell teurer Irrtum.
Obwohl die gesetzliche Bindung gelockert wurde, existieren weiterhin Herstellerempfehlungen und -freigaben. Diese sind keine Schikane, sondern das Ergebnis aufwendiger Fahrversuche. Ein Reifen ist ein hochkomplexes Bauteil, dessen Verhalten (Karkassensteifigkeit, Gummimischung, Profil) exakt auf die Fahrwerksgeometrie und das Gewicht eines Motorrads abgestimmt sein muss. Ein unpassender Reifen kann das Fahrverhalten dramatisch verschlechtern, zu Pendeln bei hohen Geschwindigkeiten oder unvorhersehbarem Einlenkverhalten führen.
Im Schadensfall, insbesondere bei einem Unfall, der auf die Fahrstabilität zurückzuführen ist, schauen wir und die Versicherungen ganz genau hin. Kann nachgewiesen werden, dass ein nicht vom Hersteller freigegebener Reifen montiert war, kann dies zur Leistungsverweigerung führen. Der Vorwurf lautet dann: Das Fahrverhalten wurde durch eine nicht geprüfte Komponente unvorhersehbar verändert. Zudem gilt beim TÜV oder der DEKRA ein nicht freigegebener Reifen als erheblicher Mangel, was zum Nichtbestehen der Hauptuntersuchung führt.
Die rechtliche Situation ist je nach Baujahr des Fahrzeugs unterschiedlich, was die Verwirrung weiter erhöht:
| Fahrzeugbaujahr | Anforderung | Konsequenzen bei Missachtung |
|---|---|---|
| Vor 2000 | Strikte Reifenfabrikatsbindung | HU-Mangel, Betriebserlaubnis erlischt |
| 2000-2010 | Teilweise Fabrikatsbindung | Unbedenklichkeitsbescheinigung erforderlich |
| Ab 2010 | Freie Reifenwahl bei richtiger Dimension | Trotzdem Freigabe prüfen für Versicherungsschutz |
Bevor Sie also einen neuen Reifensatz kaufen, prüfen Sie immer auf der Webseite des Reifen- oder Motorradherstellers, ob eine aktuelle Freigabe oder eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für Ihr spezifisches Modell vorliegt. Diese Bescheinigung sollten Sie ausdrucken und immer mitführen. So sparen Sie sich im Fall der Fälle eine Menge Ärger und Geld.
Billige Bremshebel aus China: Warum sie brechen und warum der Versicherungsschutz erlischt?
Verstellbare, eloxierte Brems- und Kupplungshebel für unter 20 Euro aus Fernost sind eine der größten Versuchungen für Motorrad-Individualisten. Sie sehen oft gut aus und versprechen eine bessere Ergonomie. Doch aus Sicht der Garantie- und Sicherheitsbewertung sind sie eine Katastrophe. Der Grund liegt im Material und in der fehlenden Zulassung.
Originale Hebel oder hochwertige Zubehörteile von Markenherstellern sind aus geschmiedetem Aluminium gefertigt. Dieses Material hat die Eigenschaft, sich bei einem Sturz oder extremer Belastung zu verbiegen (duktile Verformung). Der Hebel ist dann zwar krumm, aber die Bremse bleibt in der Regel funktionsfähig. Billige China-Hebel hingegen bestehen meist aus sprödem Aluminium-Druckguss. Unter Belastung verbiegen sie sich nicht, sondern brechen schlagartig und ohne Vorwarnung (Sprödbruch). Ein plötzlicher Totalausfall der Bremse während der Fahrt ist das Worst-Case-Szenario.

Noch gravierender ist jedoch der rechtliche Aspekt. Diese Hebel werden fast immer ohne eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) oder ein Teilegutachten geliefert. Der Anbau eines nicht genehmigten, sicherheitsrelevanten Teils führt zum sofortigen Erlöschen der Betriebserlaubnis des gesamten Fahrzeugs. Sie fahren damit illegal auf der Straße. Im Falle eines Unfalls wird jede Versicherung die Leistung verweigern. Der Kausalitätsnachweis ist für die Versicherung ein Selbstläufer: Das Fahrzeug war nicht für den Straßenverkehr zugelassen.
Materialvergleich in der Praxis: OEM vs. China-Bremshebel
Eine technische Untersuchung hat die Unterschiede klar aufgezeigt: Während sich der OEM-Hebel aus geschmiedetem Aluminium bei einem simulierten Sturz kontrolliert verbog und funktionsfähig blieb, brach der baugleiche Hebel aus China-Druckguss spröde und vollständig ab. Aus rechtlicher Sicht ist die Konsequenz eindeutig: Ohne ABE oder ein gültiges Teilegutachten führt der Anbau zum sofortigen Erlöschen der Betriebserlaubnis. Im Falle eines Unfalls bedeutet dies den vollständigen Verlust des Versicherungsschutzes, unabhängig davon, ob der Hebelbruch unfallursächlich war oder nicht.
Sparen Sie niemals an der Bremsanlage. Die wenigen Euro, die Sie beim Kauf eines nicht zugelassenen Hebels sparen, stehen in keinem Verhältnis zum Risiko eines Totalausfalls, dem Verlust des Versicherungsschutzes und der potenziellen zivil- und strafrechtlichen Folgen eines Unfalls.
Die 1000er Inspektion: Warum Sie diese 200 € beim Neukauf unbedingt einplanen müssen?
Beim Kauf eines neuen Motorrads sind die rund 200 bis 300 Euro für die erste Inspektion nach 1.000 Kilometern eine Ausgabe, die viele gerne umgehen würden. Doch diese Erstinspektion ist die mit Abstand wichtigste Wartung im Leben eines Motors und die unumstößliche Grundlage für jegliche zukünftige Garantieansprüche. Sie auszulassen, um kurzfristig Geld zu sparen, ist der schnellste Weg, die Herstellergarantie komplett zu verlieren.
Warum ist sie so wichtig? Während der ersten Kilometer laufen sich alle mechanischen Teile des Motors aufeinander ein. Dabei entsteht feiner Metallabrieb, der sich im Motoröl sammelt. Die Erstinspektion dient dazu, dieses mit Abrieb gesättigte Öl abzulassen und durch frisches Öl zu ersetzen. Gleichzeitig werden alle wichtigen Schraubverbindungen am Fahrwerk und Motor kontrolliert und nachgezogen. Das Auslassen dieses Services bedeutet, dass der Motor weiterhin mit „Schleifpaste“ statt mit Schmierstoff betrieben wird, was zu dramatisch erhöhtem Verschleiß an Lagern, Kolben und Zylindern führt.
Für die Garantieabwicklung ist ein fehlender Stempel der 1000er-Inspektion im Serviceheft ein absolutes K.O.-Kriterium. Bei jedem späteren Motorschaden wird dies der erste Punkt sein, den wir prüfen. Ohne diesen Nachweis wird der Garantieanspruch pauschal abgelehnt, da von einem fundamentalen Wartungsmangel ausgegangen werden muss. Darüber hinaus führt ein fehlender erster Serviceeintrag auf dem deutschen Gebrauchtmarkt zu einem überproportional hohen Wertverlust. Ein lückenloses Serviceheft ist bares Geld wert.
Ihre Checkliste für eine garantieerhaltende Erstinspektion
- Fordern Sie von der Werkstatt die Dokumentation aller durchgeführten Arbeiten gemäß den Herstellervorgaben ein.
- Lassen Sie alle verwendeten Flüssigkeiten, insbesondere Öle und Filter, mit exakten Spezifikationen auf der Rechnung aufführen.
- Stellen Sie sicher, dass Stempel und Unterschrift der Werkstatt im Serviceheft nicht fehlen.
- Bewahren Sie eine Kopie der detaillierten Rechnung mit allen Teilenummern als zusätzlichen Beleg sorgfältig auf.
- Wenn Sie eine freie Werkstatt nutzen, verlangen Sie eine schriftliche Bestätigung, dass alle Arbeiten strikt nach Herstellervorgaben ausgeführt wurden.
Die Kosten für die Erstinspektion sind keine optionale Ausgabe, sondern ein integraler Bestandteil des Kaufpreises. Betrachten Sie sie als die wichtigste Investition in die Langlebigkeit Ihres Motors und den Erhalt Ihrer Garantie.
Das Wichtigste in Kürze
- Garantieverlust tritt nicht automatisch ein, sondern wenn ein ungeeignetes Teil nachweislich den Schaden verursacht.
- Fehlende Zulassungen (ABE) bei sicherheitsrelevanten Teilen führen zum sofortigen Erlöschen der Betriebserlaubnis und des Versicherungsschutzes.
- Eine lückenlose Dokumentation nach Herstellervorgabe ist Ihr bester Schutz, egal ob Sie eine Vertrags- oder eine freie Werkstatt wählen.
Vertragswerkstatt oder Freie Werkstatt: Wo sparen Sie bei der Inspektion bis zu 40%?
Die Frage, ob man während der Garantiezeit zur teuren Vertragswerkstatt muss oder auch eine freie Werkstatt aufsuchen darf, ist ein Dauerthema. Die gute Nachricht zuerst: Dank der europäischen Kfz-Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) und entsprechender Gerichtsurteile dürfen Hersteller die Garantie nicht pauschal ablehnen, nur weil die Wartung in einer qualifizierten freien Werkstatt durchgeführt wurde. Hier liegt ein enormes Sparpotenzial, denn die Kostenunterschiede sind erheblich.
Freie Werkstätten haben oft niedrigere Stundensätze und können neben Originalteilen auch günstigere sogenannte „Identteile“ von denselben Zulieferern verwenden. Das Sparpotenzial kann, je nach Region und Arbeitsumfang, tatsächlich bis zu 40% betragen. Doch hier lauert die bereits erwähnte „Dokumentationsfalle“. Der entscheidende Punkt ist, dass die freie Werkstatt die Inspektion strikt nach den Vorgaben des Herstellers durchführen und dies lückenlos dokumentieren muss. Geschieht dies nicht, hat der Hersteller im Schadensfall ein leichtes Spiel, den Garantieanspruch abzulehnen.
Diese Position wird durch höchste deutsche Rechtsprechung gestützt. In einem wegweisenden Urteil stellte der Bundesgerichtshof klar:
Hersteller dürfen die Garantie nach einer Wartung in einer qualifizierten freien Werkstatt nicht pauschal ablehnen.
– Bundesgerichtshof, BGH-Urteil zur Kfz-GVO
Die Betonung liegt auf „qualifiziert“ und der Einhaltung der Vorgaben. Folgender Kostenvergleich zeigt das Potenzial, aber auch die Anforderung an die Dokumentation:
| Leistung | Vertragswerkstatt | Freie Werkstatt | Ersparnis |
|---|---|---|---|
| Stundensatz | 120-150 € | 70-100 € | 30-40% |
| Originalteile | Pflicht | Identteile möglich | 20-30% |
| Garantieerhalt | Automatisch | Bei korrekter Dokumentation | Gleich |
Wenn Sie sich für eine freie Werkstatt entscheiden, seien Sie ein aktiver Kunde. Bestehen Sie auf einer detaillierten Rechnung, auf der alle verwendeten Teile mit Spezifikationen und alle durchgeführten Arbeiten gemäß dem Wartungsplan des Herstellers aufgeführt sind. So nutzen Sie das Sparpotenzial, ohne Ihre Garantieansprüche zu gefährden.