Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die Entscheidung für oder gegen eine Vollkasko hängt nicht vom Fahrzeugwert ab, sondern von Ihrem persönlichen Cashflow-Puffer.

  • Ein selbstverschuldeter Totalschaden ohne Vollkasko bedeutet den vollen finanziellen Verlust – können Sie sich das leisten?
  • Versteckte Klauseln bei Diebstahl oder Zubehör können den Wert einer günstigeren Teilkasko zunichtemachen.

Empfehlung: Analysieren Sie nicht den Wert Ihres Motorrads, sondern die Kosten für eine sofortige, ungeplante Wiederbeschaffung. Das ist Ihre wahre Risikogröße.

Die Frage, ob eine Vollkasko- oder eine Teilkaskoversicherung für ein Motorrad, das älter als fünf Jahre ist, die richtige Wahl ist, beschäftigt viele Biker. Die gängige Meinung ist simpel: alt und günstig gleich Teilkasko, neu und teuer gleich Vollkasko. Doch diese Faustregel ist nicht nur veraltet, sie ist gefährlich. Sie ignoriert den wichtigsten Faktor in der gesamten Gleichung: Ihre persönliche finanzielle Situation. Ein Motorrad mag auf dem Papier nur noch 4.000 € wert sein, aber wenn ein selbstverschuldeter Unfall diesen Wert auf null setzt, müssen Sie diese 4.000 € aus eigener Tasche für ein Ersatzfahrzeug aufbringen. Haben Sie diesen Cashflow-Puffer? Seien wir ehrlich: Die meisten von uns nicht.

Dieser Artikel bricht mit der traditionellen Denkweise. Wir werden die Kasko-Entscheidung nicht am Fahrzeugwert festmachen, sondern an einer knallharten Risiko-Cashflow-Analyse. Eine Teilkasko deckt zwar Diebstahl, Brand oder Wildunfälle ab, doch der größte finanzielle Hebel liegt in den Schäden, die Sie selbst verursachen – und genau hier greift nur die Vollkasko. Es geht nicht darum, was Ihr Motorrad wert ist, sondern darum, welchen finanziellen Schaden ein Totalverlust in Ihrer aktuellen Lebenssituation anrichten würde. Wir werden aufdecken, wie vermeintlich kleine Details wie Saisonkennzeichen, Rückstufungen im Schadenfall oder die Versicherung von teurem Zubehör Ihre Kosten-Nutzen-Rechnung komplett auf den Kopf stellen können.

Vergessen Sie den Zeitwert. Konzentrieren wir uns auf das, was wirklich zählt: Ihr Geld und Ihre Fähigkeit, auch nach einem unglücklichen Vorfall mobil zu bleiben. Wir führen Sie durch die Fallstricke und zeigen Ihnen, wie Sie eine Entscheidung treffen, die nicht auf einer veralteten Formel, sondern auf Ihrer realen finanziellen Absicherung basiert.

In diesem Leitfaden analysieren wir die kritischen Punkte, die über eine sinnvolle Absicherung entscheiden. Anhand konkreter Beispiele und Klauseln decken wir auf, wo die wahren Kosten und Risiken lauern und wie Sie die für Sie passende Entscheidung treffen.

Wie Sie mit einem Saisonkennzeichen 30% Prämie sparen ohne den Ruheversicherungsschutz zu verlieren?

Das Saisonkennzeichen ist der Klassiker, um bei der Motorradversicherung zu sparen, denn die Prämie wird nur für den angemeldeten Zeitraum berechnet. Doch die wahre Kunst liegt darin, das Sparpotenzial voll auszuschöpfen, ohne dabei den Versicherungsschutz aufs Spiel zu setzen. Die Ersparnis ist signifikant: Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) können Sie mit einem Saisonkennzeichen 30-40% der Jahresprämie sparen. Viele Biker glauben jedoch fälschlicherweise, ihr Motorrad sei außerhalb der Saison komplett unversichert.

Hier kommt die sogenannte Ruheversicherung ins Spiel. Wenn Ihr Vertrag eine Teil- oder Vollkasko beinhaltet, bleibt der Schutz gegen Diebstahl, Brand oder Marderbiss auch während der Winterpause bestehen – und das beitragsfrei. Die entscheidende Bedingung, die oft übersehen wird: Das Motorrad muss in dieser Zeit an einem abgesicherten Ort abgestellt sein. Das bedeutet konkret in einer abgeschlossenen Garage, einem umzäunten Privatgrundstück oder einem ähnlichen, nicht öffentlich zugänglichen Bereich. Ein einfacher Parkplatz an der Straße reicht nicht aus und kann im Diebstahlfall zur Leistungsverweigerung führen.

Die Wahl des richtigen Zeitraums ist ebenfalls strategisch. Ein Saisonkennzeichen von März bis Oktober (03-10) ist beliebt, aber wenn Sie auch die ersten sonnigen Februartage oder den goldenen November nutzen, kann eine Verlängerung auf 02-11 sinnvoll sein. Der Prämienunterschied ist oft gering, aber die gewonnene Flexibilität ist enorm. Prüfen Sie also nicht nur die Prämie, sondern auch die Bedingungen der Ruheversicherung in Ihrer Police, um die perfekte Balance zwischen Sparen und Sicherheit zu finden.

Rückstufungstabelle verstehen: Wann ist es billiger, den Schaden selbst zu zahlen?

Ein kleiner Kratzer, ein umgefallenes Motorrad im Stand – schnell ist ein Schaden von einigen hundert Euro entstanden. Die Versuchung ist groß, diesen über die Vollkasko abzuwickeln. Doch das kann ein teurer Fehler sein. Der Grund liegt in der Rückstufung der Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse). Ein einziger gemeldeter Schaden kann Sie in der SF-Tabelle um Jahre zurückwerfen, was zu deutlich höheren Beiträgen in den Folgejahren führt. Diese Mehrkosten übersteigen den ursprünglichen Schadenbetrag oft um ein Vielfaches.

Im Klartext bedeutet das: Die eigentliche Frage ist nicht „Zahlt die Versicherung?“, sondern „Was kostet mich die Inanspruchnahme der Versicherung auf lange Sicht?“. Jeder Versicherer hat seine eigene Rückstufungstabelle. Es ist unerlässlich, diese zu kennen. Nehmen wir an, Sie haben einen Schaden von 800 € und befinden sich in der SF-Klasse 10. Nach der Meldung stuft Ihr Versicherer Sie vielleicht in die SF-Klasse 5 zurück. Ihr Beitragssatz steigt dadurch von 35 % auf 45 %. Diese Differenz zahlen Sie Jahr für Jahr, bis Sie wieder Ihre alte SF-Klasse erreicht haben. Oft ist es finanziell klüger, kleinere Schäden bis zu einer gewissen Höhe – oft um die 1.000 bis 1.500 € – selbst zu begleichen, um den wertvollen Schadenfreiheitsrabatt zu schützen.

Die untenstehende Illustration symbolisiert diesen finanziellen Drahtseilakt: Ein entfernter Baustein (ein Schadenfall) kann die gesamte über Jahre aufgebaute Struktur ins Wanken bringen. Die Münzen auf den Stufen repräsentieren die steigenden Kosten nach einer Rückstufung.

Detailaufnahme einer Rückstufungstabelle mit Berechnungsbeispielen

Die folgende Tabelle zeigt beispielhaft, wie drastisch eine Rückstufung ausfallen kann. Die genauen Werte variieren je nach Versicherer, aber das Prinzip bleibt gleich: Je niedriger Ihre aktuelle SF-Klasse, desto härter trifft Sie die Rückstufung.

Diese beispielhaften Daten, basierend auf einer Analyse gängiger Rückstufungsmodelle, verdeutlichen die langfristigen finanziellen Konsequenzen eines einzigen Schadens.

Rückstufung bei verschiedenen SF-Klassen
Aktuelle SF-Klasse Nach 1 Schaden Beitragssatz vorher Beitragssatz nachher
SF20 SF10 20% 35%
SF10 SF5 35% 45%
SF5 SF2 45% 60%
SF2 SF M 60% 145%

Schutzbrief oder Automobilclub: Wer bringt Ihr Bike aus den Dolomiten wirklich nach Hause?

Eine Panne ist immer ärgerlich. Eine Panne auf einer Passstraße in den Dolomiten, hunderte Kilometer von zu Hause entfernt, ist ein Albtraum. Genau für solche Fälle gibt es Pannenhilfe – entweder über einen Automobilclub wie den ADAC oder als günstiger Schutzbrief, der als Zusatzbaustein zur Motorradversicherung angeboten wird. Doch welcher ist die bessere Wahl? Es kommt auf die Details an.

Der Schutzbrief der Versicherung ist oft unschlagbar günstig. Für einen Jahresbeitrag, der teilweise unter 20 € liegt, erhalten Sie Leistungen wie Pannenhilfe vor Ort, Abschleppen zur nächsten Werkstatt und manchmal sogar einen Mietwagen. Die DEV-K beispielsweise bietet einen Schutzbrief für Krafträder bereits für 19,90 € jährlich an. Der Haken: Die Leistungen sind oft gedeckelt. Der Fahrzeugrücktransport aus dem Ausland ist nicht immer Standard oder nur bis zu einer bestimmten Entfernung bzw. Kostenhöhe abgedeckt. Die Frage ist also: Reicht „bis zur nächsten Werkstatt“ oder brauchen Sie „bis zur Heimwerkstatt in Deutschland“?

Hier spielen Automobilclubs ihre Stärke aus. Ihre Tarife sind teurer, aber die Leistungen, insbesondere beim Fahrzeugrücktransport aus dem Ausland, sind oft umfassender. Sie organisieren nicht nur den Transport, sondern kümmern sich auch um die gesamte Logistik. Für Tourenfahrer, die regelmäßig im europäischen Ausland unterwegs sind, kann sich die Mitgliedschaft in einem Automobilclub daher trotz der höheren Kosten lohnen. Ein guter Schutzbrief kann folgende Leistungen umfassen:

  • Schnelle Pannenhilfe vor Ort
  • Einsatz eines Abschlepp- oder Bergungsdienstes
  • Organisation eines Krankenrücktransports
  • Weiter- oder Heimreise bei Fahrzeugausfall

Die Entscheidung ist eine Risikoabwägung: Fahren Sie hauptsächlich in Deutschland, ist der günstige Schutzbrief Ihrer Versicherung meist völlig ausreichend. Planen Sie jedoch regelmäßig große Touren ins Ausland, sollten Sie die Leistungsbeschreibungen genau vergleichen und abwägen, ob die umfassendere (und teurere) Absicherung eines Automobilclubs Ihnen nicht mehr Sicherheit und Sorgenfreiheit bietet.

Laternenparker in Berlin: Welche Klauseln schließen die Diebstahlzahlung aus?

Für Motorradbesitzer in Großstädten ist Diebstahl die größte Sorge. Besonders „Laternenparker“, die ihr Fahrzeug mangels Garage nachts auf der Straße abstellen müssen, leben mit einem hohen Risiko. Die Teilkasko verspricht hier Abhilfe, denn Diebstahl ist eine ihrer Kernleistungen. Doch der Teufel steckt im Detail, genauer gesagt: in den Sicherungspflichten und Klauseln Ihrer Police. Jährlich werden in Deutschland laut GDV rund 30.000 versicherte Krafträder gestohlen, ein Großteil davon in urbanen Zentren wie Berlin, Hamburg oder Köln.

Versicherer verlangen, dass Sie Ihr Motorrad angemessen gegen Diebstahl sichern. Was „angemessen“ bedeutet, ist oft schwammig formuliert. In der Regel wird mindestens das serienmäßige Lenkradschloss vorausgesetzt. Viele Versicherer fordern jedoch bei nächtlichem Parken auf öffentlicher Straße zusätzliche Sicherungsmaßnahmen, wie ein zertifiziertes Bremsscheibenschloss oder eine Kette. Können Sie im Schadenfall nicht nachweisen, dass Sie diese Pflichten erfüllt haben, kann die Versicherung die Leistung wegen grober Fahrlässigkeit kürzen oder sogar komplett verweigern.

Besonders kritisch wird es bei hochwertigen und begehrten Modellen. Die Kriminalstatistik zeigt hier klare Muster, wie auch Experten bestätigen.

Die am häufigsten gestohlenen Marken sind laut Kriminalstatistik oft Modelle von KTM, BMW und Yamaha wegen ihrer hohen Nachfrage.

– GDV Kriminalstatistik, Versicherungsvergleiche.de Motorradversicherung Ratgeber

Eine weitere Falle ist die sogenannte „Nachtzeitklausel“. Obwohl in neueren Verträgen seltener, kann sie in älteren Policen noch existieren. Sie besagt, dass der volle Versicherungsschutz nur dann gilt, wenn das Fahrzeug zwischen 22 und 6 Uhr in einer Garage abgestellt ist. Für Laternenparker wäre diese Klausel fatal. Prüfen Sie daher Ihren Vertrag akribisch auf solche Ausschlüsse. Im Zweifel gilt: lieber einmal mehr sichern und den Kaufbeleg für das zusätzliche Schloss aufbewahren, als am Ende auf dem Schaden sitzen zu bleiben.

Sind Ihre 2000 € teuren Koffer bei einem Unfall automatisch mitversichert?

Ein Motorrad besteht selten nur aus dem, was ab Werk geliefert wird. Ein hochwertiges Koffersystem, eine neue Auspuffanlage, ein besseres Fahrwerk – schnell kommen Zubehör- und Sonderausstattungsteile im Wert von mehreren tausend Euro zusammen. Viele Biker gehen davon aus, dass dieses Zubehör im Schadenfall automatisch mitversichert ist. Das ist ein gefährlicher Irrtum. Die meisten Versicherungen decken fest verbautes Zubehör nur bis zu einem bestimmten Maximalbetrag in der Grunddeckung ab. Alles, was darüber hinausgeht, muss explizit gemeldet und gegen Aufpreis versichert werden.

Der Unterschied liegt oft im Detail: Ist das Zubehör „fest mit dem Motorrad verbunden“? Ein Koffersystem, das fest verschraubt ist, wird anders bewertet als Koffer, die nur eingeklickt werden. Noch komplizierter wird es bei Schutzkleidung. Nach einem Unfall ist nicht nur das Motorrad beschädigt, sondern oft auch der teure Helm, die Lederkombi oder die Stiefel. Einige Premium-Tarife decken auch diese Schäden ab. So ist bei der Produktlinie Premium von Verti die Entschädigung von Helm und Bekleidung bis 1.000 Euro mit enthalten. Ähnliche Regelungen gibt es auch bei anderen Anbietern. Beispielsweise sind bei der Allianz Schäden an Ihrer Maschine, die infolge von Tierbiss oder Kurzschluss entstehen, bis 10.000 Euro versichert, was auch teure Elektronikkomponenten einschließt.

Um im Schadenfall nicht auf den Kosten sitzen zu bleiben, ist eine lückenlose Dokumentation unerlässlich. Sie müssen den Wert und die Existenz Ihres Zubehörs nachweisen können. Ohne Belege und Fotos wird der Versicherer im Zweifel nur den Standardwert ersetzen.

Checkliste: So sichern Sie den Wert Ihres Zubehörs

  1. Alle Kaufbelege von Zubehör und Sonderausstattung aufbewahren
  2. Fotos vom montierten Zubehör am Motorrad machen
  3. Wertgutachten für hochwertige Custom-Teile erstellen lassen
  4. Zubehör über 1.000 € Wert explizit in der Police angeben
  5. Unterschied zwischen fest verbundenen Teilen und losem Zubehör verstehen

Festkette am Boden: Wie montieren Sie einen Bodenanker im Mietshaus-Hinterhof legal?

Für Laternenparker oder Mieter mit Stellplatz im Hinterhof ist ein Bodenanker eine der effektivsten Methoden, um ein Motorrad gegen Diebstahl zu sichern. Eine massive Kette, die durch den Rahmen und einen fest im Boden verankerten Stahlbügel geführt wird, stellt für Diebe eine erhebliche Hürde dar. Doch während der Einbau in der eigenen Garage unproblematisch ist, stellt er auf gemieteten Flächen oder Gemeinschaftseigentum eine rechtliche Herausforderung dar. Einfach ein Loch in den Boden des Mietshaus-Hinterhofs zu bohren, ist eine bauliche Veränderung und ohne Erlaubnis nicht gestattet.

Der rechtssichere Weg führt über den Vermieter oder die Eigentümergemeinschaft. Nach § 554 BGB haben Mieter unter bestimmten Umständen einen Anspruch auf die Zustimmung zu baulichen Veränderungen, die dem Schutz vor Einbruch dienen. Ein Bodenanker für ein teures Motorrad fällt potenziell in diese Kategorie. Sie sollten einen schriftlichen Antrag stellen und Ihre Argumente gut vorbereiten. Führen Sie an, dass die Maßnahme den Wert des Stellplatzes erhöht und Ihr Eigentum schützt. Ein entscheidendes Argument kann auch ein möglicher Prämiennachlass bei Ihrer Versicherung sein. Manche Versicherer honorieren solch massive Sicherungsmaßnahmen mit günstigeren Beiträgen. Legen Sie Ihrem Antrag ein entsprechendes Schreiben Ihrer Versicherung bei.

Bieten Sie an, die Montage fachgerecht durchführen zu lassen und verpflichten Sie sich, den Anker bei Ihrem Auszug wieder zu entfernen und den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Dies nimmt dem Vermieter viele Sorgen. Sollte der Antrag dennoch abgelehnt werden, prüfen Sie mobile Alternativen wie extrem schwere Ketten, die um ein festes Objekt (Laterne, massiver Zaunpfahl) geschlungen werden, sofern dies erlaubt ist.

Diese Detailaufnahme zeigt, wie ein massiver Bodenanker in Kombination mit einer schweren Kette für maximale Sicherheit sorgt. Die robuste Bauweise ist der Schlüssel zur Abschreckung.

Motorradkette mit massivem Schloss an Bodenanker befestigt

Für eine erfolgreiche Umsetzung sind folgende Schritte entscheidend:

  • Schriftlichen Antrag gemäß § 554 BGB an den Vermieter stellen.
  • Den potenziellen Versicherungsvorteil als Argument anführen (Nachlass dokumentieren).
  • Eine detaillierte technische Beschreibung der geplanten Montage beilegen.
  • Eine Rückbau-Verpflichtung bei Auszug schriftlich anbieten.
  • Bei Ablehnung alternative mobile Sicherungslösungen prüfen.

Die 100% Einstufung: Wie junge Fahrer die extrem hohen Anfangsprämien umgehen können?

Für junge Fahrer und Fahranfänger ist die Motorradversicherung oft ein Schock. Ohne eine vorhandene Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse) starten sie in der Regel in der SF-Klasse 0. Das bedeutet, sie zahlen den vollen Beitragssatz von 100 % oder sogar mehr. Wie eine Analyse von Check24 zeigt, erhalten Fahranfänger in der SF-Klasse 0 oft einen Beitragssatz zwischen 90% und 100%. Bei einem leistungsstarken Motorrad kann die Jahresprämie so schnell in den vierstelligen Bereich klettern. Doch es gibt legale Strategien, um diese extremen Anfangsprämien zu umgehen.

Die mit Abstand effektivste Methode ist die Zweitwagenregelung. Wenn ein Elternteil oder der Partner bereits ein Auto versichert hat, kann das Motorrad als Zweitfahrzeug angemeldet werden. Der große Vorteil: Das Zweitfahrzeug wird nicht in die teure SF-Klasse 0 eingestuft, sondern profitiert von einer Sondereinstufung. Üblich ist hier die SF-Klasse ½, was den Beitragssatz sofort auf etwa 60-70 % senkt. Je nach Versicherer und der SF-Klasse des Erstfahrzeugs ist sogar eine noch bessere Einstufung bis zur SF-Klasse 3 möglich. Der junge Fahrer kann dann als berechtigter Fahrer eingetragen werden und sammelt so eigene schadenfreie Jahre, die er später auf einen eigenen Vertrag „mitnehmen“ kann.

Weitere Optionen zur Optimierung sind:

  • Fahrerfahrung nutzen: Wer seinen Motorradführerschein bereits länger als drei Jahre besitzt, aber noch keinen eigenen Vertrag hatte, wird von vielen Versicherern ebenfalls in die SF-Klasse ½ statt 0 eingestuft.
  • SF-Klassen-Übertragung: Unter bestimmten Voraussetzungen (§ 28 VVG) kann man die SF-Klasse von einer anderen Person (z. B. Großeltern, die das Fahren aufgeben) übernehmen. Dies ist jedoch an strenge Bedingungen geknüpft.
  • Früh starten: Bereits eine Versicherung für ein 50ccm-Moped oder einen Roller kann bei manchen Anbietern als Vorversicherungszeit angerechnet werden und zu einer besseren Einstufung führen.

Es lohnt sich also, kreativ zu werden und alle Optionen zu prüfen, anstatt die hohe Anfangsprämie einfach zu akzeptieren. Die Zweitwagenregelung ist dabei der goldene Schlüssel für die meisten jungen Fahrer.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Kasko-Entscheidung ist eine Cashflow-Frage, keine Wertfrage. Können Sie sich einen Totalverlust aus eigener Tasche leisten?
  • Kleine Schäden selbst zu zahlen ist oft günstiger, als durch die Rückstufung der SF-Klasse jahrelang höhere Prämien zu zahlen.
  • Lesen Sie das Kleingedruckte: Zubehör, Kleidung und Diebstahlschutz sind oft nur mit Einschränkungen oder gegen Aufpreis versichert.

Vollkasko für Motorräder: Ab welchem Fahrzeugwert lohnt sich die teure Absicherung nicht mehr?

Dies ist die finale Frage, die alle bisherigen Überlegungen zusammenführt. Die klassische Antwort lautet: Unter einem Wert von 5.000 € lohnt sich eine Vollkasko meist nicht mehr. Eine Analyse von Verivox legt nahe, dass bei älteren Maschinen eher darauf verzichtet werden kann. Doch wie wir gesehen haben, ist dieser Ansatz zu kurzsichtig. Die Entscheidung sollte nicht auf einer starren Wertgrenze basieren, sondern auf einer persönlichen Kosten-Nutzen-Schwelle, die von Ihrem Risikoprofil und Ihrem Cashflow-Puffer abhängt.

Die Vollkasko deckt zusätzlich zur Teilkasko auch selbstverschuldete Unfälle und Vandalismus ab. Der Mehrpreis dafür ist Ihr „Risiko-Einsatz“. Fragen Sie sich: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Totalschaden selbst verursache? Und, noch wichtiger: Wenn dieser Fall eintritt, kann und will ich den kompletten Wiederbeschaffungswert aus eigener Tasche zahlen? Wenn Ihr Motorrad Ihr einziges Fahrzeug ist und Sie darauf angewiesen sind, wiegt ein Totalverlust schwerer, als wenn es nur ein reines Hobbygerät ist.

Die folgende Break-Even-Analyse zeigt eine grobe Orientierung. Die entscheidende Spalte ist jedoch nicht der Fahrzeugwert, sondern Ihre persönliche Antwort auf das „Was-wäre-wenn“-Szenario. Wenn Sie bei einem Motorrad im Wert von 4.000 € einen Vollkasko-Mehrpreis von 150 € pro Jahr zahlen, haben Sie 26 Jahre Zeit, bevor sich die Prämie „amortisiert“ hat. Das klingt unrentabel. Wenn Sie aber im zweiten Jahr einen Totalschaden haben und die Versicherung Ihnen 4.000 € auszahlt, hat sich die Investition mehr als gelohnt.

Diese Tabelle dient als Orientierungshilfe, um die jährlichen Mehrkosten ins Verhältnis zum potenziellen Verlust zu setzen.

Break-Even-Analyse nach Fahrzeugwert
Fahrzeugwert Vollkasko-Mehrkosten/Jahr Empfehlung
über 10.000 € 300-400 € Vollkasko empfohlen
5.000-10.000 € 200-300 € Abhängig vom Risikoprofil
unter 5.000 € 150-200 € Teilkasko meist ausreichend

Analysieren Sie jetzt Ihre persönliche Risikotoleranz und finanzielle Situation, um die einzig richtige Entscheidung für Ihr Motorrad und Ihren Geldbeutel zu treffen. Nur so stellen Sie sicher, dass Sie im Fall der Fälle nicht nur gut versichert sind, sondern auch finanziell handlungsfähig bleiben.

Geschrieben von Andreas Volz, Betriebswirt (B.A.) und Automobilkaufmann mit Schwerpunkt Fahrzeugbewertung und Finanzierung. Experte für den An- und Verkauf, Leasingrückläufer und Unterhaltskosten.