Veröffentlicht am März 11, 2024

Die magische 98-PS-Grenze ist nur die Spitze des Eisbergs; Ihre Motorradversicherungsprämie wird durch einen komplexen Risiko-Algorithmus bestimmt, den Sie mit dem richtigen Wissen gezielt zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

  • Die Leistung ist nur eine von vielen Stellschrauben; Wohnort, Fahrerkreis und sogar der Beruf haben oft einen grösseren Einfluss auf die Prämie.
  • Strategische Entscheidungen wie eine freiwillige Drosselung oder die Nutzung einer Zweitwagenregelung bieten ein deutlich höheres Sparpotenzial als ein reiner Tarifvergleich.

Empfehlung: Betrachten Sie die Versicherungskosten als Teil der Gesamtbetriebskosten von Anfang an und nutzen Sie alle tariflichen Stellschrauben aktiv, anstatt nur auf den Kaufpreis des Motorrads zu achten.

Jeder Biker, der sich mit leistungsstarken Maschinen beschäftigt, stösst unweigerlich auf dieses seltsame Phänomen: Ein Motorrad mit 98 PS (72 kW) kann in der Versicherung hunderte Euro günstiger sein als ein fast identisches Modell mit 100 PS (74 kW). Viele zucken mit den Schultern und akzeptieren es als eine undurchsichtige Eigenheit der Versicherungswelt. Die üblichen Ratschläge lauten dann, Tarife zu vergleichen oder eine Drosselung in Betracht zu ziehen. Doch diese oberflächlichen Tipps kratzen nur an der Oberfläche eines hochkomplexen Systems.

Die Wahrheit ist: Die 98-PS-Grenze ist kein willkürlicher Schwellenwert. Sie ist der sichtbarste Hebel in einem komplexen System aus Risiko-Algorithmen, das Versicherer nutzen, um das potenzielle Schadenrisiko eines jeden Fahrers zu bewerten. Dieses System berücksichtigt eine Vielzahl von Faktoren, von denen die Motorleistung nur einer ist. Wer jedoch die Logik hinter diesen Berechnungen versteht, kann das System strategisch für sich nutzen. Es geht nicht darum, einen einzelnen Trick anzuwenden, sondern darum, die verschiedenen Stellschrauben der Tariflogik zu kennen und intelligent zu kombinieren.

Doch was, wenn der Schlüssel zur Einsparung nicht allein in der PS-Zahl liegt, sondern in der bewussten Gestaltung Ihres gesamten Risikoprofils? In diesem Artikel durchleuchten wir die Mechanismen der Versicherer. Wir zeigen Ihnen nicht nur, warum die 98-PS-Grenze existiert, sondern auch, welche anderen, oft übersehenen Faktoren Ihre Prämie in die Höhe treiben oder drastisch senken können. Von der Macht Ihrer Postleitzahl über die cleveren Kniffe für junge Fahrer bis hin zur strategischen Schadensregulierung – wir geben Ihnen das Wissen eines Tarifexperten an die Hand.

Dieser Leitfaden führt Sie Schritt für Schritt durch die entscheidenden Aspekte der Motorrad-Tarifierung. Sie werden lernen, die Denkweise der Versicherer zu verstehen und Ihre Prämie aktiv zu gestalten, anstatt nur passive Preisforderungen zu akzeptieren. Machen Sie sich bereit, die Kontrolle über Ihre Versicherungskosten zu übernehmen.

Wohnort als Preistreiber: Warum die gleiche Leistung in München doppelt so viel kostet wie auf dem Land?

Bevor wir uns der Motorleistung widmen, müssen wir eine der grössten Stellschrauben im Risiko-Algorithmus der Versicherer betrachten: Ihren Wohnort. Die sogenannte Regionalklasse hat einen massiven Einfluss auf Ihre Prämie. Diese Klasse spiegelt die Schaden- und Unfallbilanz eines Zulassungsbezirks wider. Eine hohe Dichte an Fahrzeugen, mehr Diebstähle oder eine höhere Unfallquote in einer Region führen zu einer höheren Einstufung und somit zu teureren Beiträgen. Die Unterschiede sind dabei enorm und oft verblüffender als der Sprung von 98 auf 100 PS.

Die Tariflogik ist hier eindeutig: Das statistische Risiko, in einen Schadenfall verwickelt zu werden, ist in einer Metropole wie Berlin, Hamburg oder München signifikant höher als in einem ländlichen Landkreis in Brandenburg oder Niedersachsen. Laut der aktuellen GDV-Regionalstatistik liegen die Schäden in Berlin fast 40% über dem Bundesdurchschnitt, während sie im brandenburgischen Elbe-Elster 30% darunter liegen. Dieser statistische Unterschied wird direkt an den Versicherungsnehmer weitergegeben.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die finanzielle Dimension: Wie eine Analyse zeigt, zahlen Bewohner von Berlin-Buckow bis zu 51% mehr für ihre Haftpflichtversicherung als ihre direkten Nachbarn im nur wenige Kilometer entfernten Schönefeld in Brandenburg. Das sind hunderte Euro Unterschied für ein und dasselbe Motorrad, gefahren von derselben Person. Die Postleitzahl wird so zu einem entscheidenden Preisfaktor, der oft unterschätzt wird.

Die folgende Tabelle, basierend auf Datenanalysen wie denen der Allianz, veranschaulicht die Extreme in der Einstufung der Regionalklassen.

Regionalklassen-Vergleich Grossstädte vs. ländliche Gebiete
Region Schadenbilanz Einstufung
Offenbach +40% über Durchschnitt Höchste Klasse
Berlin +40% über Durchschnitt Klasse 11-12
München-Stadt Erhöht Obere Klassen
Elbe-Elster (Brandenburg) -30% unter Durchschnitt Klasse 1
Wesermarsch Niedrig Klasse 1-2

Diese Daten zeigen unmissverständlich, dass die Regionalklasse eine der fundamentalen Säulen der Beitragsberechnung ist. Sie ist eine nicht verhandelbare Grösse, die Sie bei der Kalkulation Ihrer Gesamtkosten unbedingt berücksichtigen müssen.

Lohnt es sich, ein 105 PS Motorrad freiwillig auf 98 PS zu drosseln für die Versicherung?

Jetzt kommen wir zur Kernfrage: dem berüchtigten Prämiensprung bei 98 PS (72 kW). Die kurze Antwort lautet: Ja, die Drosselung lohnt sich finanziell in sehr vielen Fällen. Der Grund liegt in der starren Einteilung der Leistungsklassen durch die Versicherer. Die Grenze bei 72 kW ist historisch gewachsen und markiert für viele Anbieter den Übergang von einem „sportlichen“ zu einem „Hochleistungs-“ oder „Supersport“-Fahrzeug. Aus Sicht des Risiko-Algorithmus steigt mit dem Überschreiten dieser Schwelle die Wahrscheinlichkeit für teure Schäden überproportional an.

Eine aktuelle Analyse von CHECK24 zeigt, wie drastisch dieser Sprung ausfällt: Ein Bike mit 110 PS lässt die Prämie bis zu 76% in die Höhe gehen, verglichen mit einem Fahrzeug der mittleren Leistungsklasse. Dieser gewaltige Aufschlag für nur wenige PS mehr macht die freiwillige Drosselung zu einer der effektivsten Stellschrauben zur Prämiensenkung. Sie signalisieren dem Versicherer damit einen bewussten Verzicht auf Spitzenleistung und werden im Gegenzug in eine günstigere Risikogruppe eingestuft.

Die Kosten für die Drosselung selbst sind im Vergleich zur jährlichen Ersparnis oft überschaubar. Sie setzen sich aus dem Drosselkit und dem administrativen Aufwand zusammen. Der Prozess ist in Deutschland klar geregelt und erfordert eine offizielle Abnahme und Eintragung, um versicherungsrechtlich wirksam zu sein. Wer diesen Weg gehen möchte, muss einige formale Schritte beachten, um die niedrigere Prämie zu realisieren.

Ihr Plan zur Leistungsdrosselung in Deutschland

  1. Angebot einholen: Holen Sie ein Angebot für ein passendes Drosselkit bei einer Fachwerkstatt ein. Rechnen Sie mit Kosten zwischen 250 und 500 Euro für das Material und den Einbau.
  2. Einbau durchführen: Lassen Sie den Einbau ausschliesslich von einer zertifizierten Fachwerkstatt durchführen, die Ihnen die korrekte Installation bescheinigen kann.
  3. Technische Abnahme: Vereinbaren Sie einen Termin bei einer Prüforganisation wie TÜV oder DEKRA. Ein Sachverständiger erstellt nach Prüfung ein Gutachten über die Leistungsänderung.
  4. Papiere ändern: Mit dem Gutachten gehen Sie zur zuständigen Zulassungsstelle und beantragen die Änderung der Zulassungsbescheinigung Teil I (Fahrzeugschein). Die neue, geringere Leistung wird dort offiziell eingetragen.
  5. Versicherung informieren: Melden Sie die eingetragene Leistungsänderung umgehend Ihrer Versicherung. Legen Sie eine Kopie des geänderten Fahrzeugscheins vor und fordern Sie eine Neuberechnung Ihrer Prämie an.

Die Entscheidung für eine Drosselung ist somit eine rein wirtschaftliche Abwägung: Stehen die einmaligen Kosten für den Umbau in einem sinnvollen Verhältnis zur jährlichen Prämienersparnis? Bei einem Prämiensprung von mehreren hundert Euro pro Jahr amortisiert sich der Aufwand meist schon in der ersten Saison.

Die 100% Einstufung: Wie junge Fahrer die extrem hohen Anfangsprämien umgehen können?

Für junge Fahrer, insbesondere unter 23 Jahren, ist die Motorradversicherung oft ein Schock. Sie starten in der Regel in der teuersten Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse) 0. Das bedeutet einen Beitragssatz von rund 100% (je nach Versicherer sogar mehr) und führt zu extrem hohen Prämien. Der Grund aus Sicht der Versicherer ist rein statistisch: Fahranfänger haben ein signifikant höheres Unfallrisiko. Doch es gibt eine etablierte Strategie in Deutschland, um diesen teuren Einstieg zu umgehen: die Zweitwagenregelung.

Diese Regelung ist eine der cleversten systemischen Einsparmöglichkeiten. Die Tariflogik dahinter ist ein Vertrauensvorschuss. Wenn bereits ein Elternteil (oder der Partner) ein Fahrzeug bei derselben Versicherung mit einer guten SF-Klasse versichert hat, profitiert der junge Fahrer davon. Anstatt in der SF-Klasse 0 zu beginnen, wird das Motorrad des Kindes oft direkt in die SF-Klasse ½ eingestuft. Dies entspricht einem Beitragssatz von etwa 70-85% und bedeutet eine sofortige und massive Reduzierung der Prämie.

Strategien zur Versicherungskostenreduzierung für junge Motorradfahrer

Wie im Fallbeispiel von DA Direkt und anderen Versicherern praktiziert, ist die Voraussetzung meist, dass der erfahrene Hauptversicherungsnehmer als Halter oder zumindest als Versicherungsnehmer für das Motorrad des Kindes eingetragen wird. Dies ist ein kleiner administrativer Kompromiss für eine grosse finanzielle Erleichterung. Es ist eine Win-Win-Situation: Die Versicherung bindet die Familie an sich und der junge Fahrer erhält einen fairen Start, ohne finanziell überlastet zu werden.

Für junge Biker ist es daher essenziell, nicht isoliert nach einer Versicherung zu suchen, sondern das Gespräch mit den Eltern zu führen. Die Frage sollte nicht lauten „Was kostet mich die Versicherung?“, sondern „Wie können wir als Familie die beste Einstufung für mich erreichen?“. Dieser strategische Ansatz, der auf bestehenden Verträgen aufbaut, ist weitaus wirkungsvoller als jeder Online-Vergleichsrechner.

Prozente vom Auto nutzen: Wie Sie den Schadenfreiheitsrabatt aufs Motorrad übertragen?

Viele Autofahrer, die sich den Traum vom Motorradfahren erfüllen, wissen nicht, dass sie ihre über Jahre unfallfrei „erfahrenen“ Prozente vom Auto auf das Motorrad übertragen können. Dieser Transfer der Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse) ist ein mächtiges Werkzeug, um von Anfang an eine niedrige Versicherungsprämie zu erhalten. Anstatt bei SF 0 oder SF ½ zu starten, können Sie potenziell Ihre hohe SF-Klasse vom PKW direkt mitnehmen. Doch der Teufel steckt im Detail, und die Tariflogik der Versicherer hat hier einige Besonderheiten.

Grundsätzlich ist der Transfer möglich, wie auch Experten der Verti Versicherung in ihrem Ratgeber betonen:

Wollen Sie Ihr Bike verkaufen und auf ein Auto umsteigen, ist es möglich, Ihre SF-Klasse mit dem Ende Ihrer Motorradversicherung und dem Neubeginn der Autoversicherung zu übertragen

– Verti Versicherung, Verti Ratgeber Motorrad Schadenfreiheitsklassen

Der Prozess funktioniert in beide Richtungen, also auch vom Auto zum Motorrad. Allerdings ist die Übertragung nicht immer 1:1. Viele Versicherer haben unterschiedliche Rabattstaffeln (sogenannte „weiche“ und „harte“ Merkmale) für Autos und Motorräder. Es kann also sein, dass eine SF 20 beim Auto nicht einer SF 20 beim Motorrad entspricht, sondern einer etwas niedrigeren Klasse. Dennoch ist der finanzielle Vorteil fast immer enorm.

Eine entscheidende Hürde ist oft wieder die Leistungsgrenze. Viele Versicherer erlauben die volle Übertragung des hohen Schadenfreiheitsrabatts nur für Motorräder bis zu einer bestimmten Leistung, häufig liegt auch hier die Grenze bei 98 PS oder manchmal 136 PS. Bei leistungsstärkeren Maschinen kann der übertragene Rabatt gekappt werden. Eine weitere wichtige Bedingung ist, dass die SF-Klasse nur von einem Fahrzeug abgezogen werden kann. Das Erstfahrzeug (z.B. das Auto) verliert seinen Rabatt und wird neu eingestuft, als wäre es ein Anfängerfahrzeug – es sei denn, Sie ersetzen das Auto durch das Motorrad.

Die klügste Strategie ist daher oft die Nutzung der Zweitwagenregelung (wie für junge Fahrer beschrieben), bei der das Motorrad in eine günstige Sondereinstufung kommt, während die hohe SF-Klasse des Autos unberührt bleibt. Ein direkter Transfer lohnt sich vor allem dann, wenn ein Fahrzeug dauerhaft abgemeldet wird.

Der Bruch im Winter: Warum ein Saisonkennzeichen bei hohen PS-Klassen überproportional spart?

Für viele Biker ist das Motorrad ein Schönwetter-Hobby. Warum also für 12 Monate Versicherung zahlen, wenn das Fahrzeug von November bis Februar ungenutzt in der Garage steht? Hier kommt das Saisonkennzeichen ins Spiel. Es ist eine der einfachsten und effektivsten Stellschrauben, um die jährliche Prämie deutlich zu senken. Die Logik ist simpel: Sie zahlen nur für den Zeitraum, in dem das Motorrad tatsächlich angemeldet ist und am Strassenverkehr teilnimmt.

Die Ersparnis ist signifikant. Eine Analyse von CHECK24 hat ergeben, dass Versicherungsnehmer mit einem Saisonkennzeichen von März bis September durchschnittlich 38% der Jahresprämie sparen. Der Clou: Ausserhalb der Saison besteht in der Regel eine beitragsfreie Ruheversicherung (meist in der Teilkasko enthalten), sodass das Motorrad beispielsweise gegen Diebstahl aus der Garage geschützt bleibt. Der lästige Gang zur Zulassungsstelle zum An- und Abmelden entfällt ebenfalls.

Motorrad mit Saisonkennzeichen in Wintergarage

Besonders interessant wird das Saisonkennzeichen bei leistungsstarken und somit teuren Motorrädern. Der prozentuale Rabatt wirkt sich hier in absoluten Zahlen viel stärker aus. Eine Ersparnis von 38% auf eine Jahresprämie von 1.000 Euro sind 380 Euro. Bei einer Prämie von 300 Euro für ein kleines Motorrad sind es nur 114 Euro. Der finanzielle Anreiz, die Maschine im Winter stillzulegen, steigt also mit der PS-Klasse. Das Saisonkennzeichen ist somit ein perfektes Beispiel für systemisches Sparen: Je höher das Grundrisiko (und damit die Prämie) durch Faktoren wie PS und Wohnort ist, desto wirkungsvoller werden andere Sparmassnahmen.

Die Wahl des Zeitraums ist flexibel (mindestens zwei, maximal elf Monate). Ein typischer Zeitraum für die meisten Regionen in Deutschland ist von März (03) bis Oktober (10). Dies bietet eine lange Fahrsaison und maximiert gleichzeitig die Ersparnis in den kalten, nassen Monaten. Für Biker mit hochpreisigen Maschinen ist das Saisonkennzeichen daher fast schon eine Pflichtentscheidung aus wirtschaftlicher Sicht.

Leistungssteigerung melden: Wie stark steigt die Prämie, wenn Sie von 48 auf 95 PS öffnen?

Viele Motorräder, die für den A2-Führerschein auf 48 PS (35 kW) gedrosselt sind, können nach Ablauf der Beschränkung auf ihre volle Leistung „geöffnet“ werden. Beliebte Modelle wie die Honda CB650R oder die KTM 790 Duke L springen dann beispielsweise auf 95 PS. Doch diese Leistungssteigerung ist nicht nur ein technischer Akt, sondern auch ein meldepflichtiger Vorgang mit erheblichen versicherungstechnischen Konsequenzen. Wer vergisst, dies seiner Versicherung zu melden, riskiert im Schadensfall seinen Versicherungsschutz.

Die Meldung der Entdrosselung löst eine Neuberechnung der Prämie aus, und der Anstieg ist oft beträchtlich. Der Grund ist vielschichtiger als nur die höhere PS-Zahl. Wie im Fallbeispiel der Allianz zu sehen ist, ändert sich bei einer Leistungsöffnung nicht nur die Leistungsklasse, sondern häufig auch die Typklasse des Fahrzeugs. Die Typklasse bewertet das Schadenrisiko eines spezifischen Fahrzeugmodells. Eine 95-PS-Version eines Motorrads wird von den Versicherern statistisch anders (meist risikoreicher) bewertet als die gedrosselte 48-PS-Variante desselben Modells.

Die Kosten für die Entdrosselung und die damit verbundene Prämienerhöhung summieren sich schnell. Es ist ein Prozess, der sorgfältig kalkuliert werden sollte. Die Gesamtkosten im ersten Jahr nach der Öffnung können einen vierstelligen Betrag erreichen, wie eine Aufschlüsselung der typischen Kostenpunkte zeigt:

  • Entdrosselung durch Fachwerkstatt: 200-400 Euro
  • TÜV/DEKRA-Abnahme und Gutachten: 100-150 Euro
  • Änderung der Fahrzeugpapiere: 50-70 Euro
  • Prämienerhöhung: 200-500 Euro jährlich (je nach Versicherer und SF-Klasse)

Zusammengerechnet ergibt dies Gesamtkosten von 550 bis 1.120 Euro allein im ersten Jahr. Dieser Prämiensprung verdeutlicht erneut die strikte Logik der Risiko-Algorithmen: Eine Verdopplung der Leistung führt zu einer Neueinschätzung des Gesamtrisikos, was sich direkt im Beitrag niederschlägt. Es ist daher ratsam, noch vor der technischen Umrüstung ein konkretes Angebot von der eigenen Versicherung für die neue Leistungsklasse einzuholen, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Rückstufungstabelle verstehen: Wann ist es billiger, den Schaden selbst zu zahlen?

Ein Unfall oder auch nur ein kleiner Rutscher ist ärgerlich, kann aber passieren. Die erste Reaktion ist oft, den Schaden der Versicherung zu melden. Doch das ist nicht immer die klügste finanzielle Entscheidung. Eine Schadensmeldung führt unweigerlich zu einer Rückstufung in der Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse) im Folgejahr. Diese Rückstufung bedeutet eine höhere Prämie – und das nicht nur für ein Jahr, sondern für mehrere Jahre, bis Sie wieder Ihre ursprüngliche SF-Klasse erreicht haben. Manchmal ist es daher günstiger, einen kleinen Schaden aus eigener Tasche zu zahlen.

Die entscheidende Frage lautet: Ist die Summe der erhöhten Beiträge über die nächsten Jahre höher als die eigentliche Schadenssumme? Als Faustregel gilt, was auch Experten der Allianz Versicherung raten:

In der Regel lohnt sich die Selbstübernahme der Kosten, wenn die Schadenssumme geringer ausfällt als die zu erwartende Beitragserhöhung durch die Rückstufung der SF-Klasse

– Allianz Versicherung, Allianz Ratgeber Schadenfreiheitsklasse Motorrad

Um diese Entscheidung zu treffen, müssen Sie die Rückstufungstabelle Ihres Versicherungsvertrags verstehen. Dort ist genau festgelegt, von welcher SF-Klasse in welche Sie nach einem, zwei oder mehr Schäden pro Jahr zurückfallen. Bei kleineren Schäden, insbesondere unter 1.000 Euro, übersteigt die kumulierte Beitragserhöhung oft die Reparaturkosten. Viele Versicherer bieten zudem einen „Schadensrückkauf“ an: Sie können einen gemeldeten Schaden nachträglich selbst bezahlen, um die Rückstufung zu verhindern.

Die folgende Tabelle, basierend auf gängigen Praktiken wie sie bei Verti und anderen Versicherern zu finden sind, bietet eine klare Entscheidungshilfe.

Rückstufung vs. Selbstzahlung – Entscheidungshilfe
Schadenshöhe SF-Klasse Empfehlung Begründung
Unter 500€ SF 0-5 Selbst zahlen Rückstufung kostet über 3 Jahre mehr
500-1000€ SF 6-15 Prüfen Individuelle Berechnung nötig
Über 1000€ SF 16-20 Versicherung nutzen Rabattschutz oft vorhanden
Beliebig Mit Rabattschutz Versicherung nutzen Keine Rückstufung beim ersten Schaden

Einige Tarife beinhalten auch einen Rabattschutz, der einen Schaden pro Jahr ohne Rückstufung erlaubt. Prüfen Sie Ihren Vertrag auf diese Klausel. Ist sie enthalten, sollten Sie die Versicherung bei fast jedem Schaden in Anspruch nehmen. Ohne diesen Schutz ist bei kleinen Schäden Rechnen angesagt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die 98-PS-Grenze ist ein zentraler, aber nicht der einzige Preistreiber; Wohnort (Regionalklasse) und Fahrzeugmodell (Typklasse) sind ebenso entscheidend.
  • Systemische Sparmassnahmen wie die Zweitwagenregelung für junge Fahrer oder ein Saisonkennzeichen haben oft einen grösseren finanziellen Effekt als ein reiner Tarifvergleich.
  • Jede Änderung am Risikoprofil (Leistungssteigerung, Unfall) hat direkte Folgen für die Prämie. Eine proaktive Kommunikation mit dem Versicherer und das Kalkulieren der Folgen sind unerlässlich.

Versicherungsprämie senken: Welche 5 Angaben im Fahrerprofil sparen Ihnen bares Geld?

Neben den grossen Faktoren wie Leistung und Wohnort gibt es eine Reihe von kleineren, aber wirkungsvollen Stellschrauben direkt in Ihrem persönlichen Fahrerprofil. Versicherer belohnen mit Rabatten, was aus ihrer Sicht das Risiko senkt. Jede Angabe, die auf einen vorsichtigen, verantwortungsbewussten und erfahrenen Fahrer hindeutet, kann Ihre Prämie spürbar reduzieren. Oft werden diese Punkte bei der schnellen Online-Anfrage übersehen, doch hier liegt erhebliches Sparpotenzial verborgen.

Die Optimierung Ihres Profils ist ein entscheidender Schritt. Betrachten Sie es als die Feinjustierung, nachdem die groben Einstellungen vorgenommen wurden. Die folgenden fünf Punkte sind erwiesenermassen effektive Hebel, um die Prämie zu senken.

Optimierung des Fahrerprofils bei der Motorradversicherung

Eine der wirkungsvollsten Massnahmen ist die Einschränkung des Fahrerkreises. Geben Sie statt „beliebiger Fahrerkreis“ nur sich selbst oder zusätzlich Ihren Partner als Fahrer an. Nach Berechnungen von CHECK24 kann ein beliebiger Fahrerkreis den Beitrag um bis zu 175% verteuern. Dies ist einer der grössten Rabatte, den Sie durch eine einfache Angabe erzielen können. Hier sind die Top 5 Spartipps für Ihr Profil im Detail:

  • 1. Berufsgruppe optimieren: Bestimmte Berufsgruppen gelten als statistisch risikoärmer. Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst erhalten oft Rabatte von 10-15%. Geben Sie Ihren Beruf also präzise an.
  • 2. Fahrerkreis einschränken: Wie erwähnt, die Beschränkung auf den Versicherungsnehmer und ggf. den Partner ist der grösste Hebel. Jeder zusätzliche, insbesondere junge Fahrer, treibt die Prämie in die Höhe.
  • 3. Garage angeben: Ein nächtlicher Stellplatz in einer abgeschlossenen Einzel- oder Sammelgarage reduziert das Diebstahl- und Vandalismusrisiko. Vor allem in Grossstädten wird dies mit 5-10% Nachlass belohnt.
  • 4. Fahrsicherheitstraining nachweisen: Ein absolviertes Training (z.B. vom ADAC) signalisiert Engagement für Sicherheit. Viele Versicherer gewähren dafür einen Rabatt von 5-10%. Fragen Sie aktiv danach.
  • 5. Jährliche Zahlweise wählen: Der administrative Aufwand für monatliche oder vierteljährliche Abbuchungen ist für Versicherer höher. Wer seine Prämie jährlich im Voraus bezahlt, spart daher 5-8% im Vergleich zur monatlichen Rate.

Die Summe dieser kleinen Anpassungen kann leicht einen weiteren dreistelligen Betrag pro Jahr ausmachen. Es lohnt sich, beim Abschluss oder bei der jährlichen Überprüfung des Vertrags diese Punkte sorgfältig durchzugehen und wahrheitsgemäss zu optimieren.

Durch die gezielte Optimierung Ihres persönlichen Profils schöpfen Sie das volle Sparpotenzial Ihrer Versicherung aus.

Häufige Fragen zur Tarifierung von Motorrädern

Kann ich meine SF-Klasse vom Auto aufs Motorrad übertragen?

Ja, die Übertragung der Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse) ist grundsätzlich möglich, allerdings unterscheiden sich die Rabattsysteme der Versicherer für PKW und Motorräder. Eine SF-Klasse vom Auto wird daher nicht immer 1:1 auf das Motorrad übernommen, bietet aber dennoch meist einen erheblichen finanziellen Vorteil gegenüber einem Neueinstieg.

Gibt es eine Leistungsgrenze für die Übertragung?

Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Viele Versicherer begrenzen die vollständige Übernahme eines hohen Schadenfreiheitsrabatts auf Motorräder bis zu einer bestimmten Leistung. Diese Grenze liegt häufig bei 98 PS (72 kW) oder 136 PS (100 kW). Bei stärkeren Maschinen kann der Rabatt gekappt oder die Übertragung ganz abgelehnt werden.

Was passiert mit der SF-Klasse des Erstfahrzeugs?

Die SF-Klasse kann nur für ein Fahrzeug gleichzeitig genutzt werden. Wenn Sie den Rabatt von Ihrem Auto auf das Motorrad übertragen, wird das Auto so behandelt, als hätte es keinen Schadenfreiheitsrabatt mehr. Es wird oft mit einer schlechteren SF-Klasse neu eingestuft. Diese Option ist daher vor allem sinnvoll, wenn das Erstfahrzeug abgemeldet wird.

Geschrieben von Andreas Volz, Betriebswirt (B.A.) und Automobilkaufmann mit Schwerpunkt Fahrzeugbewertung und Finanzierung. Experte für den An- und Verkauf, Leasingrückläufer und Unterhaltskosten.