
Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein mechanisches oder elektronisches System absolut schneller ist, sondern welche Unfallphysik Ihr Airbag beherrschen muss, um im entscheidenden Moment zu schützen.
- Elektronische Systeme dominieren in komplexen Szenarien wie Auffahrunfällen im Stehen oder bei Sturzerkennung ohne klare Trennung vom Motorrad.
- Mechanische Systeme bieten eine extrem robuste, kosteneffiziente und wartungsarme Lösung, die besonders bei klassischen „Low- und Highsidern“ zuverlässig funktioniert.
Empfehlung: Analysieren Sie Ihr persönliches Risikoprofil (häufiger Stadtverkehr mit Kreuzungsgefahren vs. ausgedehnte Touren auf Landstraßen) als entscheidende Basis für Ihre Systemwahl.
Die Diskussion um Motorrad-Airbags dreht sich oft um eine einzige, scheinbar simple Frage: Mechanisch oder elektronisch? Die meisten Debatten enden bei den Auslösezeiten und den Kosten für die Wiederinbetriebnahme. Doch als Crashtest-Ingenieur, dessen Alltag die Analyse von Kräften und Sekundenbruchteilen ist, kann ich Ihnen versichern: Diese Sichtweise ist gefährlich unvollständig. Die Geschwindigkeit eines Systems ist nur eine Variable in einer komplexen Gleichung. Die wirklich entscheidende Frage lautet: Erkennt das System die spezifische Unfallphysik Ihres Sturzes überhaupt korrekt und rechtzeitig?
Ein klassischer „Rutscher“, bei dem der Fahrer vom Motorrad getrennt wird, stellt völlig andere Anforderungen an die Sensorik als ein Auffahrunfall an einer Ampel oder ein Sturz im Gelände. Während ein mechanisches System eine definierte Zugkraft an einer Reißleine benötigt, werten elektronische Systeme permanent Daten von Gyroskopen, Beschleunigungsmessern und GPS aus. Sie suchen nach Mustern, die vom normalen Fahrbetrieb abweichen. Die wahre Ingenieurskunst liegt nicht darin, das schnellste System zu bauen, sondern das intelligenteste – jenes, das den Unterschied zwischen einer harschen Bremsung und dem Beginn eines unvermeidlichen Unfalls erkennt.
Dieser Artikel verlässt daher die oberflächliche Debatte und taucht tief in die technischen Realitäten ein. Wir analysieren nicht nur, welches System bei einem Rutscher schneller ist, sondern auch, welches bei einem Heckaufprall, einem Sturz im Stand oder bei der gefürchteten Linksabbieger-Falle den überlegenen Schutz bietet. Wir betrachten die Gesamtkosten, die Passform-Herausforderungen und das entscheidende Prinzip der Redundanz. Ziel ist es, Ihnen eine fundierte, technische Entscheidungsgrundlage zu liefern, die weit über simple Produktdaten hinausgeht und auf den realen physikalischen Gegebenheiten eines Motorradunfalls basiert.
Um Ihnen eine klare Orientierung in diesem komplexen Thema zu geben, haben wir die wichtigsten Aspekte für Sie strukturiert. Der folgende Überblick führt Sie durch die entscheidenden Fragen, von den Kosten über die Praxistauglichkeit bis hin zu den physikalischen Grenzen der jeweiligen Systeme.
Sommaire : Die technische Analyse: Mechanische vs. elektronische Airbag-Systeme
- Kartusche wechseln: Was kostet die Wiederinbetriebnahme des Airbags nach einer Auslösung?
- Airbag unter der Lederkombi: Wie viel Platz muss sein, damit Ihnen nicht die Luft wegbleibt?
- Airbag vs. Rückenprotektor: Ersetzt die Weste den klassischen Schildkrötenpanzer komplett?
- Hitzestau unter dem Airbag: Welche Modelle sind für 30 Grad im Schatten noch luftdurchlässig?
- Vergessen abzustöpseln: Löst die Reißleine aus, wenn Sie an der Tankstelle absteigen?
- Warum die Versicherung bei „Grob fahrlässig“ trotz Vollkasko die Zahlung kürzen kann?
- Linksabbieger-Falle: Warum Blickkontakt mit dem Autofahrer oft eine trügerische Sicherheit ist?
- Warum ein ADAC-Fahrsicherheitstraining Ihr Unfallrisiko um 30% senken kann?
Kartusche wechseln: Was kostet die Wiederinbetriebnahme des Airbags nach einer Auslösung?
Aus Ingenieurssicht sind die Betriebskosten ein wesentlicher Faktor für die Langzeitzuverlässigkeit eines Sicherheitssystems. Ein System, dessen Reaktivierung hohe Kosten verursacht, wird im Zweifel nach einer kleinen Fehlauslösung nicht sofort wieder in Betrieb genommen. Hier zeigen sich die fundamentalen Unterschiede zwischen mechanischen und elektronischen Westen. Mechanische Systeme, wie die von Helite, sind auf maximale Autonomie des Nutzers ausgelegt. Nach einer Auslösung kann der Fahrer die CO2-Kartusche selbstständig und mit wenigen Handgriffen wechseln. Die Kosten für eine Ersatzkartusche sind überschaubar und das System ist sofort wieder einsatzbereit.
Elektronische Systeme von Herstellern wie Dainese oder Alpinestars verfolgen einen anderen Ansatz. Nach der Auslösung muss die Weste in der Regel zum Hersteller oder einem zertifizierten Servicepartner eingeschickt werden. Dort wird nicht nur die Gaskartusche (oft Argon statt CO2) getauscht, sondern auch eine umfassende Systemprüfung durchgeführt. Dabei werden die Airbag-Hülle auf Beschädigungen und die Elektronik auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft. Dieser Service bietet maximale Sicherheit, da mögliche Mikrorisse oder Elektronikfehler erkannt werden, verursacht aber signifikant höhere Kosten und eine Ausfallzeit, in der man ohne Airbag-Schutz unterwegs ist. Einige Modelle, insbesondere von Alpinestars, sind zudem an ein Abo-Modell gekoppelt, was die Gesamtkosten weiter erhöht.
Die folgende Tabelle zeigt eine beispielhafte Kalkulation der Total Cost of Ownership (TCO) über fünf Jahre, basierend auf einer angenommenen Auslösung. Sie verdeutlicht, wie sich die unterschiedlichen Service-Konzepte auf die langfristigen Kosten auswirken.
| System | Anschaffung | Kartusche/Service | 5-Jahres-TCO* |
|---|---|---|---|
| Helite Turtle 2.0 (mechanisch) | 549€ | 35€ pro Auslösung | ca. 654€ |
| Dainese Smart Jacket (elektronisch) | 699€ | 99€ Service nach Auslösung | ca. 897€ |
| Alpinestars Tech-Air 3 (elektronisch) | 799€ | 149€ Service + 99€/Jahr Abo | ca. 1.544€ |
Airbag unter der Lederkombi: Wie viel Platz muss sein, damit Ihnen nicht die Luft wegbleibt?
Die effektivste Schutzzone ist nutzlos, wenn der Airbag sich nicht vollständig entfalten kann. Die Passform der Weste in Kombination mit der darüber getragenen Jacke ist ein kritischer Sicherheitsfaktor. Bei einer Auslösung verdrängt das Airbag-System schlagartig mehrere Liter Volumen. Ist die Jacke zu eng, kann der Airbag nicht den vollen Schutz aufbauen. Im schlimmsten Fall kann der auf den Brustkorb ausgeübte Druck selbst zu Verletzungen führen oder die Atmung massiv behindern. Als Faustregel gilt: Zwischen dem Körper (inklusive Brustprotektor) und der geschlossenen Jacke sollten mindestens 4-5 cm Spielraum sein. Dies entspricht etwa der Breite von zwei übereinandergelegten Fingern.

Moderne Motorradjacken, die als „Airbag-ready“ deklariert sind, berücksichtigen diesen Expansionsraum durch großflächige Stretch-Einsätze aus Aramidfasern oder Lederstretch, meist an den Flanken, Schultern und am Rücken. Diese Zonen erlauben der Jacke, sich im Falle einer Auslösung auszudehnen, ohne zu reißen. Besonders bei enganliegenden Lederkombis ist dies entscheidend. Während Systeme wie die Dainese Smart Jacket aufgrund ihrer dünnen Bauweise unter viele vorhandene Jacken passen, erfordern Systeme wie die Tech-Air-Familie von Alpinestars oft spezielle, kompatible Jacken des gleichen Herstellers, die über die notwendigen Stretch-Zonen verfügen. Vor dem Kauf sollte daher unbedingt geprüft werden, ob die eigene Garderobe kompatibel ist oder ob Folgeinvestitionen notwendig werden.
Checkliste: Ist Ihre Jacke Airbag-ready?
- Normaler Sitz prüfen: Jacke anziehen und vollständig schließen, idealerweise mit dem getragenen Rückenprotektor.
- Platz messen: Mit zwei flach aufeinandergelegten Fingern zwischen Brustkorb und geschlossener Jacke fahren. Sie sollten ohne großen Widerstand hindurchgleiten.
- Stretch-Zonen lokalisieren: Überprüfen Sie, ob Ihre Jacke über flexible Materialien an den Seiten, unter den Armen oder im Rückenbereich verfügt.
- Bewegungstest durchführen: Strecken Sie die Arme nach vorne und beugen Sie sich, als würden Sie auf dem Motorrad sitzen. Die Jacke darf nirgends extrem spannen.
- Fachberatung nutzen: Bei Unsicherheit ist die Anprobe mit der Weste bei einem Fachhändler unerlässlich, um die korrekte Passform sicherzustellen.
Airbag vs. Rückenprotektor: Ersetzt die Weste den klassischen Schildkrötenpanzer komplett?
Diese Frage wird häufig gestellt, und die Antwort aus sicherheitstechnischer Sicht ist ein klares und unmissverständliches Nein. Ein Airbag-System ersetzt niemals einen Hartschalen-Rückenprotektor – es ergänzt ihn zu einem überlegenen Gesamtsystem. Dieses Konzept ist als Redundanz-Prinzip bekannt und eine der fundamentalsten Säulen in der Entwicklung sicherheitskritischer Systeme, beispielsweise in der Luft- und Raumfahrt. Es besagt, dass das Versagen einer einzelnen Komponente nicht zum Ausfall des Gesamtsystems führen darf. Übertragen auf den Motorradschutz bedeutet das: Der passive Schutz (Protektor) und der aktive Schutz (Airbag) müssen Hand in Hand arbeiten.
Der Rückenprotektor, oft als „Schildkrötenpanzer“ bezeichnet, hat eine primäre Aufgabe: die punktuelle Energie eines Aufpralls (z.B. auf einen Bordstein oder einen Stein) auf eine möglichst große Fläche zu verteilen und das Durchdringen spitzer Gegenstände zu verhindern. Er ist die erste, harte Verteidigungslinie. Die Airbag-Weste hingegen entfaltet ihre Stärke, indem sie sich um den Oberkörper legt und die verbleibende Aufprallenergie noch weiter verteilt, fast wie ein großes Kissen. Noch wichtiger ist jedoch ihre Fähigkeit, den Körper zu stabilisieren. Sie fixiert den Helm am Rumpf, was das Risiko eines Schleudertraumas und von Schlüsselbeinbrüchen durch die Helmkante drastisch reduziert. Sie schützt zudem die inneren Organe vor den massiven Verzögerungskräften.
Das Redundanz-Prinzip aus der Luftfahrt zeigt: Die Kombination aus passivem Schutz (Protektor) und aktivem Schutz (Airbag) bietet maximale Sicherheit.
– Institut für Zweiradsicherheit (ifz), ifz Sicherheitsstudie 2023
Hitzestau unter dem Airbag: Welche Modelle sind für 30 Grad im Schatten noch luftdurchlässig?
Ein Sicherheitssystem ist nur dann wirksam, wenn es auch getragen wird. Für Tourenfahrer, die oft stundenlang bei sommerlichen Temperaturen unterwegs sind, ist der thermische Komfort daher kein Luxus, sondern ein relevanter Sicherheitsfaktor. Eine zusätzliche Schicht, egal wie dünn, beeinträchtigt die Luftzirkulation. Ein überhitzter Fahrer leidet unter Konzentrationsschwäche, was das Unfallrisiko erhöht. Die Hersteller haben dieses Problem erkannt und verfolgen unterschiedliche Strategien, um einen Hitzestau zu minimieren.
Die grundlegendste Unterscheidung liegt in der Trageweise. Systeme, die über der Jacke getragen werden (z.B. von Helite), bieten prinzipbedingt die beste Belüftung. Die darunterliegende, oft perforierte Sommer- oder Mesh-Jacke kann ihre Funktion uneingeschränkt erfüllen. Der Nachteil ist eine potenziell schlechtere Aerodynamik und die Exposition der Weste gegenüber Witterung und Schmutz. Systeme, die unter der Jacke getragen werden, müssen auf Materialinnovationen setzen. Die Dainese Smart Jacket beispielsweise ist zu großen Teilen perforiert und so konzipiert, dass sie die Belüftungsöffnungen der darüberliegenden Jacke nicht vollständig blockiert. Spezielle Offroad-Systeme wie die Alpinestars Tech-Air Off-Road sind von vornherein auf maximale Luftdurchlässigkeit bei geringem Tempo und hoher körperlicher Anstrengung ausgelegt.
Im Praxistest zeigt sich, dass eine Kombination aus der richtigen Weste und der passenden Jacke entscheidend ist. Folgende Maßnahmen helfen, auch bei über 30°C einen kühlen Kopf zu bewahren:
- Wahl des Systems: Für reine Sommertouren kann eine Weste zum Tragen über der Jacke die komfortabelste Wahl sein.
- Material der Weste: Achten Sie bei Unterzieh-Westen auf Modelle mit großflächigen Mesh-Einsätzen und perforierten Materialien.
- Jacken-Kompatibilität: Kombinieren Sie die Weste mit einer hochgradig luftdurchlässigen Mesh-Jacke.
- Pausen und Hydration: Planen Sie regelmäßige Fahrtpausen im Schatten und nutzen Sie ein Trinksystem, um Dehydrierung vorzubeugen.
Vergessen abzustöpseln: Löst die Reißleine aus, wenn Sie an der Tankstelle absteigen?
Die Angst vor einer peinlichen und kostspieligen Fehlauslösung beim Absteigen an der Tankstelle ist die häufigste Sorge bei Interessenten für mechanische Airbag-Systeme. Aus technischer Sicht ist diese Sorge jedoch unbegründet. Die Systeme sind bewusst so konstruiert, dass sie zwischen dem sanften Zug beim Vergessen des Abstöpselns und der explosiven Kraft eines Sturzes unterscheiden können. Der Schlüssel liegt in der definierten Auslösekraft. Laut Herstellern wie Helite sind rund 25-30 kg Zugkraft erforderlich, um den Mechanismus zu aktivieren und die CO2-Kartusche zu zünden.
Diese Kraft wird beim normalen Absteigen vom Motorrad, selbst wenn man das Kabel vergisst und sich ruckartig vom Sitz erhebt, bei weitem nicht erreicht. Der Fahrer spürt einen deutlichen Ruck, der ihn daran erinnert, die Reißleine zu lösen, aber die Kraft reicht nicht für eine Auslösung. Dieser Wert ist das Ergebnis zahlreicher Tests und stellt einen Kompromiss dar: niedrig genug, um bei einem echten Sturz, bei dem der Körper vom Motorrad geschleudert wird, sofort auszulösen, aber hoch genug, um Fehlauslösungen im Alltag zu verhindern. Ein erwachsener Mensch, der vom Motorrad fällt, erzeugt durch sein Körpergewicht und die Dynamik des Sturzes ein Vielfaches dieser nötigen Zugkraft.
Moderne Systeme bieten zudem visuelle Hilfen, um das Vergessen zu minimieren. Farbige Erinnerungskabel, die über den Lenker gehängt werden, oder magnetische Clips, die sich leichter lösen lassen, erhöhen die Benutzerfreundlichkeit. Sollte es doch einmal zu einer ungewollten Auslösung kommen – etwa weil das Motorrad vom Ständer fällt, während der Fahrer noch verbunden ist –, ist der finanzielle Schaden begrenzt. Wie bereits im ersten Punkt erörtert, kann die Kartusche für einen geringen Betrag selbst getauscht werden und die Weste ist sofort wieder einsatzbereit. Die Angst vor dem „Tankstellen-Knall“ ist also eher ein Mythos als eine technische Realität.
Warum die Versicherung bei „Grob fahrlässig“ trotz Vollkasko die Zahlung kürzen kann?
Nach einem Unfall beginnt oft eine zweite Auseinandersetzung – die mit der Versicherung. Insbesondere der Vorwurf der groben Fahrlässigkeit kann für Motorradfahrer teuer werden, selbst bei einer Vollkaskoversicherung. Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn die erforderliche Sorgfalt in besonders schwerem Maße verletzt wird. Bei Motorradfahrern kann dies beispielsweise eine stark überhöhte Geschwindigkeit oder das Fahren unter Alkoholeinfluss sein. In solchen Fällen ist die Versicherung berechtigt, ihre Leistung zu kürzen – je nach Schwere des Verschuldens um 50%, 75% oder sogar 100%.
Hier kann die Entscheidung für ein Airbag-System eine unerwartete, aber wichtige Rolle spielen. Das Tragen umfassender Schutzausrüstung, insbesondere eines zertifizierten Airbag-Systems, kann als starkes Indiz für ein hohes Sicherheitsbewusstsein des Fahrers gewertet werden. Wie Verkehrsrechtsexperten bestätigen, kann dies die Position des Fahrers in einem Rechtsstreit erheblich stärken. Es signalisiert, dass der Fahrer grundsätzlich bestrebt ist, Risiken zu minimieren. Zwar wird es einen klaren Fall von grober Fahrlässigkeit nicht aufheben, kann aber bei der Bemessung der Kürzungsquote zugunsten des Fahrers berücksichtigt werden.
Fallbeispiel: Elektronische Datenaufzeichnung als Beweismittel
Ein entscheidender Vorteil moderner elektronischer Airbag-Systeme, wie die von In&motion, ist die integrierte Datenaufzeichnung. Ähnlich einer Blackbox im Flugzeug zeichnen die Sensoren permanent Bewegungsdaten wie Geschwindigkeit, Schräglage und Beschleunigung auf. Im Falle eines Unfalls können diese Daten ausgelesen werden. Sie können als objektives Beweismittel dienen, um den Unfallhergang zu rekonstruieren und den Vorwurf der groben Fahrlässigkeit zu entkräften – oder ihn leider auch zu bestätigen. Diese Transparenz kann im Streitfall mit der Versicherung den entscheidenden Unterschied machen.
Linksabbieger-Falle: Warum Blickkontakt mit dem Autofahrer oft eine trügerische Sicherheit ist?
Die Kollision mit einem links abbiegenden oder die Vorfahrt missachtenden Pkw ist eines der häufigsten und gefährlichsten Unfallszenarien für Motorradfahrer. Laut Unfallstatistik sind bis zu 42 Prozent der von Autofahrern verursachten Motorradunfälle sogenannte Sichtunfälle, bei denen der Motorradfahrer schlicht übersehen wurde. Viele Fahrer verlassen sich auf den Blickkontakt mit dem Autofahrer als Bestätigung, wahrgenommen worden zu sein. Aus technischer und psychologischer Sicht ist dies eine trügerische Sicherheit. Das menschliche Gehirn neigt dazu, das zu „sehen“, was es erwartet – und das ist meist ein anderes Auto, kein schmales Motorrad.
Genau in diesem Szenario zeigt sich der fundamentalste Unterschied in der Unfallphysik-Erkennung zwischen mechanischen und elektronischen Systemen. Ein mechanisches System löst aus, wenn die Reißleine durch die Trennung des Fahrers vom Motorrad mit ausreichender Kraft gespannt wird. Bei einer Kollision mit einem abbiegenden Auto an einer Kreuzung kann es jedoch zu einem kritischen Zeitverzug kommen. Der Aufprall erfolgt oft bei geringer Eigengeschwindigkeit, und der Fahrer wird möglicherweise nicht sofort vom Motorrad geschleudert. Die volle Schutzwirkung entfaltet sich erst, wenn die Trennung erfolgt.
Elektronische Systeme sind hier klar im Vorteil. Ihre Algorithmen sind darauf trainiert, nicht nur die Bewegung des Fahrers, sondern das Gesamtsystem zu analysieren. Sie erkennen den unnatürlichen, abrupten Stopp und die seitliche Beschleunigung durch den Aufprall, selbst wenn der Fahrer noch auf dem Motorrad sitzt. Die ADAC-Unfallanalyse hat gezeigt, dass besonders Systeme mit Stillstand-Erkennung hier einen entscheidenden Vorteil bieten. Sie können bereits vor dem eigentlichen Aufprall des Fahrers auf das Hindernis oder die Straße auslösen, da der Algorithmus den unvermeidlichen Sturz antizipiert. In diesem Szenario können die laut ADAC-Test bei allen elektronischen Systemen ähnlichen 80 Millisekunden von der Erkennung bis zur vollen Entfaltung den Unterschied zwischen leichten und schweren Verletzungen ausmachen.
Das Wichtigste in Kürze
- Elektronische Systeme sind überlegen: In komplexen oder untypischen Unfallszenarien (z.B. Aufprall im Stehen, Rutscher ohne sofortige Trennung vom Motorrad) bieten elektronische Systeme durch ihre intelligenten Algorithmen einen klaren Erkennungsvorteil.
- Mechanische Systeme sind robust und autonom: Für klassische Stürze mit klarer Trennung vom Fahrzeug bieten sie einen extrem zuverlässigen, wartungsarmen und kostengünstigen Schutz, den der Fahrer selbst verwalten kann.
- Redundanz ist nicht verhandelbar: Ein Airbag ergänzt immer einen hochwertigen Rückenprotektor, er ersetzt ihn niemals. Nur die Kombination beider Systeme bietet maximalen Schutz vor unterschiedlichen Aufprallenergien.
Warum ein ADAC-Fahrsicherheitstraining Ihr Unfallrisiko um 30% senken kann?
Als Ingenieur ist meine Aufgabe die Entwicklung von Systemen, die im Falle eines Versagens die Folgen minimieren. Doch die übergeordnete Philosophie jeder Sicherheitsentwicklung lautet: Der beste Unfall ist der, der gar nicht erst stattfindet. Alle passive und aktive Sicherheitstechnik am Fahrzeug und am Fahrer ist letztlich nur die zweitbeste Lösung. Die mit Abstand wirksamste Sicherheitsmaßnahme ist die Verbesserung des menschlichen Faktors – des Fahrers selbst. Hier setzen professionelle Fahrsicherheitstrainings an.
Statistiken zeigen, dass eine Reduktion des individuellen Unfallrisikos um bis zu 30% durch die regelmäßige Teilnahme an solchen Trainings erreichbar ist. Das liegt daran, dass es hier nicht um das Erreichen höherer Geschwindigkeiten geht, sondern um die Kalibrierung der wichtigsten „Software“: der Wahrnehmung und Reaktion des Fahrers. In einem sicheren Umfeld werden Notbremsungen, Ausweichmanöver und die richtige Blickführung in Kurven trainiert, bis sie zu automatisierten Reflexen werden. Man lernt, Gefahrensituationen früher zu erkennen und die physikalischen Grenzen des eigenen Motorrads realistisch einzuschätzen.
Am besten ist es, einen Unfall von vornherein zu vermeiden. Das fahrerische Können lässt sich bei Trainings schulen, bei denen es um Gefahrenerkennung und die richtige Reaktion geht.
– Matthias Kuschefski, Leiter Institut für Zweiradsicherheit (ifz)
Ein solches Training sollte als kontinuierlicher Prozess gesehen werden, nicht als einmaliges Ereignis. Ein Basis-Training im ersten Jahr legt die Grundlagen, gefolgt von Aufbaukursen für Kurven- oder Bremstechnik in den Folgejahren. Besonders wichtig: Wer sich eine Airbag-Weste zulegt, sollte idealerweise ein Training damit absolvieren, um sich an das leicht veränderte Fahrgefühl und das zusätzliche Gewicht zu gewöhnen. Die Investition in die eigenen Fähigkeiten ist die Investition mit der höchsten Rendite für Ihre Sicherheit – sie hilft, den Moment zu vermeiden, in dem Sie auf die fehlerfreie Funktion Ihrer Airbag-Weste angewiesen sind.
Häufige Fragen zur mechanischen Reißleine
Kann ich versehentlich beim normalen Absteigen auslösen?
Nein, das ist praktisch ausgeschlossen. Das Eigengewicht und die Bewegung beim normalen Absteigen reichen bei weitem nicht aus, um die für eine Auslösung erforderliche Zugkraft von 25-30 kg zu erreichen. Sie werden einen deutlichen Ruck spüren, der Sie daran erinnert, das Kabel zu lösen, aber der Airbag wird nicht auslösen.
Was passiert bei einer Fehlauslösung?
Sollte es aus einem anderen Grund zu einer Fehlauslösung kommen, ist der Schaden gering. Die CO2-Kartusche kann mit wenigen Handgriffen und für Kosten von etwa 35 Euro selbstständig ausgetauscht werden. Danach ist die Weste sofort wieder voll einsatzbereit.
Gibt es Erinnerungshilfen gegen das Vergessen?
Ja, viele Hersteller bieten simple, aber effektive Hilfen an. Dazu gehören zum Beispiel auffällig gefärbte Spiralkabel, die man über das Zündschloss oder den Lenker legt, oder magnetische Clips am Verbindungspunkt, die das Handling erleichtern und visuell präsenter sind.