Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Die effektive Reduzierung von Windgeräuschen ist kein Ergebnis des Austauschs einer einzelnen Komponente, sondern der Optimierung des aerodynamischen Gesamtsystems aus Fahrer, Motorrad und Ausrüstung.

  • Turbulenzen und Lärm entstehen durch das komplexe Zusammenspiel von Windschutzscheibe, Helmgeometrie und flatternder Kleidung.
  • Gezielte, oft kostengünstige Maßnahmen wie frequenzselektive Ohrstöpsel, korrekt eingestellte Spoiler und eng anliegende Kleidung haben oft einen größeren Effekt als ein teurer neuer Helm allein.

Empfehlung: Führen Sie eine systematische Analyse jedes Elements durch, um die primäre Quelle der Verwirbelungen zu identifizieren und gezielt zu korrigieren, anstatt auf eine universelle Lösung zu hoffen.

Das stete, laute Rauschen des Fahrtwinds bei Autobahngeschwindigkeit ist für viele Tourenfahrer mehr als nur ein Ärgernis – es ist ein ernsthafter Faktor für Ermüdung und kann sogar das Gehör schädigen. Die erste intuitive Reaktion ist oft der Gedanke an eine höhere Windschutzscheibe oder einen neuen, vermeintlich leiseren Helm. Doch die Realität ist komplexer. Häufig führen diese Einzelmaßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg, da sie das Problem isoliert betrachten. Der Lärm, den Sie unter dem Helm wahrnehmen, ist selten das Ergebnis einer einzigen Ursache. Vielmehr ist er das Endprodukt einer Kette von aerodynamischen Ereignissen, die am gesamten System aus Fahrer und Motorrad stattfinden.

Doch was, wenn der Schlüssel zur Ruhe nicht im Kauf des teuersten Einzelteils liegt, sondern im Verständnis der physikalischen Zusammenhänge? Aus der Perspektive eines Akustik-Ingenieurs ist die Lärmreduzierung eine Aufgabe der Systemoptimierung. Es geht darum, die Entstehung von turbulenten Luftströmungen an ihrer Quelle zu minimieren und deren Übertragung auf den Fahrer zu unterbrechen. Dieser Ansatz betrachtet nicht nur die Windschutzscheibe, sondern analysiert die Interaktion zwischen Scheibe, Helm, Körperhaltung und sogar der Kleidung. Jeder dieser Faktoren spielt eine entscheidende Rolle im akustischen Gesamtbild und bietet einen Hebel zur Verbesserung. Dieser Artikel führt Sie durch eine systematische Analyse dieser Komponenten, um eine realistische und spürbare Lärmreduzierung zu erreichen – basierend auf physikalischen Prinzipien statt auf Marketingversprechen.

Um das Problem des Windlärms methodisch anzugehen, gliedert sich dieser Leitfaden in verschiedene Kernbereiche. Wir analysieren jede Komponente des Systems „Fahrer-Maschine“ einzeln, um ihre spezifische Rolle bei der Geräuschentwicklung zu verstehen und gezielte Lösungsstrategien abzuleiten.

Ohrstöpsel unter dem Helm: Welche Filter blocken Wind, lassen aber Sirenen durch?

Bevor wir uns der Aerodynamik widmen, ist die erste und wichtigste Verteidigungslinie der direkte Schutz des Gehörs. Die Lärmbelastung unter einem Motorradhelm wird systematisch unterschätzt. Messungen zeigen, dass bei 100 km/h Windgeräusche unter dem Helm etwa 94 dB erreichen können. Bei diesem Pegel können bereits nach 15 Minuten irreparable Gehörschäden eintreten. Ein Gehörschutz ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit für jeden, der regelmäßig schneller als im Stadtverkehr unterwegs ist. Die Herausforderung besteht darin, einen Schutz zu finden, der das schädliche, tieffrequente Dröhnen des Windes dämpft, ohne den Fahrer von wichtigen Umgebungsgeräuschen wie Martinshörnern oder dem Motorengeräusch zu isolieren.

Die Lösung liegt in frequenzselektiven Filtern. Im Gegensatz zu einfachen Schaumstoffstöpseln, die alle Frequenzen linear dämpfen und ein dumpfes, isoliertes Gefühl erzeugen, arbeiten moderne Motorrad-Ohrstöpsel mit speziellen Akustikfiltern. Diese sind so konstruiert, dass sie vor allem die Frequenzen im Bereich der Windgeräusche (typischerweise unter 1000 Hz) stark reduzieren, während höhere Frequenzen, in denen sich Sprache und Warnsignale befinden, relativ ungehindert passieren können. Dies erhält das Situationsbewusstsein und die Kommunikationsfähigkeit über eine Gegensprechanlage. Die Auswahl des richtigen Filters hängt vom primären Einsatz ab:

  • Tour-Filter: Bieten eine moderate Dämpfung (ca. 17 dB) und sind ideal für Landstraßen und gelegentliche Autobahnfahrten. Sie bieten einen guten Kompromiss aus Schutz und Wahrnehmung der Umgebung.
  • Race-Filter: Liefern eine stärkere Dämpfung (ca. 20 dB) und sind für lange Autobahnetappen oder Rennstreckeneinsätze konzipiert, wo der Lärmpegel konstant hoch ist.

Für Fahrer, die regelmäßig unterwegs sind, lohnt sich die Investition in individuell angepasste Otoplastiken vom Hörakustiker. Diese bieten nicht nur einen perfekten, druckfreien Sitz, sondern auch eine optimale und konstante Dämpfungsleistung, da sie den Gehörgang zuverlässig abdichten.

Kleine Spoiler, große Wirkung: Braucht der kleine Aufsatz von Amazon eine ABE?

Spoileraufsätze für Windschutzscheiben sind eine beliebte und oft wirksame Methode, um den Windschutz zu verbessern, ohne die gesamte Scheibe austauschen zu müssen. Ihre Funktion beruht auf einem einfachen aerodynamischen Prinzip: Sie heben die Turbulenzabrisskante – also den Punkt, an dem die laminare Strömung von der Scheibe abreißt und in turbulente Verwirbelungen übergeht – weiter nach oben. Dadurch wird der Luftstrom über den Helm des Fahrers gelenkt, anstatt direkt auf ihn zu treffen. Dies reduziert den direkten Winddruck auf den Kopf und, was noch wichtiger ist, die geräuschintensiven Verwirbelungen im Helmbereich. Ein Praxistest mit einem MRA Spoileraufsatz zeigt, dass bei Landstraßentempo eine spürbare Verbesserung eintritt und bei Autobahnfahrten die Belüftung am Helm ohne störenden Lärm geöffnet bleiben kann.

Allerdings gibt es in Deutschland einen entscheidenden rechtlichen Aspekt: Jeder am Motorrad verbaute Spoileraufsatz benötigt eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE). Diese Bescheinigung garantiert, dass das Bauteil geprüft ist und die Fahrsicherheit nicht negativ beeinflusst. Ein günstiger Aufsatz von einer Online-Plattform ohne ABE führt zum Erlöschen der Betriebserlaubnis des Fahrzeugs. Zudem muss die ABE des Spoilers auch zur bereits montierten Basisscheibe passen. Es ist also unerlässlich, ausschließlich geprüfte Produkte von etablierten Herstellern wie MRA oder Puig zu verwenden und die Kompatibilität sicherzustellen.

Neben der Legalität ist auch das Material der Scheibe und des Aufsatzes ein entscheidender Sicherheitsfaktor, gerade bei hohen Geschwindigkeiten.

Vergleich verschiedener Windschutzscheiben-Materialien
Material Eigenschaften Sicherheit bei 130 km/h
Makrolon (Polycarbonat) Bruchsicher, UV-stabil Sehr hoch – kein Splittern bei Steinschlag
Acrylglas (PMMA) Günstig, kratzeranfällig Niedrig – kann bei Steinschlag splittern

Wie die Tabelle verdeutlicht, bietet Makrolon (Polycarbonat) die mit Abstand höchste Sicherheit. Bei einem Steinschlag auf der Autobahn splittert es nicht, was das Verletzungsrisiko minimiert. Günstigeres Acrylglas kann hingegen brechen und scharfe Kanten bilden.

Integral oder Klapphelm: Welcher Helmtyp ist bei Tempo 160 wirklich leiser?

Der Helm ist die letzte Barriere zwischen der turbulenten Luftströmung und dem Ohr des Fahrers. Doch selbst die leisesten Helme können den Lärm nicht eliminieren. Eine Straßentest-Messung bei 130 km/h ergab selbst bei den besten Sport-Touring-Helmen einen Pegel von rund 97 dB. Dies unterstreicht erneut die Notwendigkeit von Ohrstöpseln. Die Helmwahl hat dennoch einen signifikanten Einfluss auf die Art und Intensität der Geräusche. Generell gelten Integralhelme als leiser als Klapphelme. Der Grund dafür ist rein mechanisch: Klapphelme besitzen eine zusätzliche Fuge und einen Verriegelungsmechanismus am Kinnteil. Diese Elemente stellen potenzielle Undichtigkeiten und Kanten dar, an denen die Luftströmung abreißt und hochfrequente Pfeifgeräusche erzeugen kann. Ein Integralhelm mit seiner durchgehenden Schale bietet eine glattere und aerodynamisch sauberere Oberfläche.

Nahaufnahme verschiedener Helmtypen im Windkanal-Test

Allerdings ist die Unterscheidung nicht absolut. Ein hochwertiger, moderner Klapphelm mit präzisen Dichtungen und einem aerodynamisch optimierten Kinnteil kann leiser sein als ein schlecht konstruierter oder günstiger Integralhelm. Wichtiger als der reine Helmtyp sind spezifische Konstruktionsmerkmale, die zur Geräuschreduzierung beitragen:

  • Visierdichtung: Eine doppelte, anliegende Dichtung verhindert das Eindringen von Luft und reduziert Pfeifgeräusche.
  • Kinn-Windabweiser: Dieses oft abnehmbare Textilteil unter dem Kinn verhindert, dass Luft von unten in den Helm strömt und dort Verwirbelungen erzeugt.
  • Aerodynamische Form: Eine glatte, runde Form ohne unnötige Kanten und Spoiler reduziert die Gesamtturbulenz am Helm.
  • Belüftung: Gut designte, verschließbare Belüftungskanäle, die im geschlossenen Zustand bündig mit der Helmschale abschließen, sind entscheidend.

Die Passform ist ebenfalls kritisch. Ein zu lockerer Helm lässt nicht nur mehr Lärm eindringen, sondern bewegt sich auch bei hohem Tempo, was die Ermüdung verstärkt. Der Helm muss fest an den Wangen anliegen, ohne Druckstellen zu erzeugen.

Warum flatternde Textilkleidung Sie bei hoher Geschwindigkeit schneller ermüdet?

Die Rolle der Motorradbekleidung bei der Geräuschentwicklung wird häufig übersehen. Doch flatternde Textilkleidung ist eine wesentliche Quelle für Lärm und Ermüdung. Das Phänomen, das dahintersteckt, ist eine Kombination aus akustischer Kopplung und physischer Anstrengung. Wenn lose Kleidung, insbesondere an den Oberarmen und am Rücken, im Fahrtwind zu flattern beginnt, erzeugt sie niederfrequente Schallwellen. Dieser Lärm wird durch den Helm nicht vollständig blockiert und addiert sich zum Dröhnen der Windgeräusche am Helm selbst. Das Ergebnis ist ein lauter, unruhiger Geräuschpegel, der das Nervensystem konstant belastet.

Gleichzeitig muss der Körper unbewusst ständig gegen die unregelmäßigen Kräfte ankämpfen, die durch das Zerren und Schlagen der Kleidung entstehen. Dieses ständige Mikromanagement der Muskulatur, um die Stabilität zu wahren, führt zu einer signifikant schnelleren Ermüdung, als es bei einer Fahrt mit glatt anliegender Kleidung der Fall wäre. Das POLO Motorrad Magazin fasst den Vorteil von Leder gut zusammen:

Bessere Aerodynamik durch glatte Oberfläche und wenig Flattern – Leder passt sich mit der Zeit besser der Körperform an

– POLO Motorrad Magazin, Ratgeber Textil- oder Lederkombi

Dies bedeutet nicht, dass nur Leder eine Lösung ist. Moderne Textilbekleidung bietet oft Einstellmöglichkeiten über Riemen und Klettverschlüsse an Armen, Taille und Bündchen. Diese sollten so justiert werden, dass die Kleidung eng anliegt, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Der Unterschied ist bei hohen Geschwindigkeiten sofort spürbar: Das Gefühl von Instabilität und das laute Flattern verschwinden, was zu einer entspannteren und leiseren Fahrt führt. Ein enger Sitz der Kleidung ist also nicht nur eine Frage des Stils, sondern ein fundamentaler Beitrag zur Fahrsicherheit und zum Komfort.

Lenkerflattern bei hohem Tempo: Kommt es vom Topcase oder vom Reifen?

Lenkerflattern oder Hochgeschwindigkeitspendeln ist ein beunruhigendes Phänomen, das nicht nur den Komfort, sondern direkt die Fahrsicherheit beeinträchtigt. Es manifestiert sich als eine zunehmende Unruhe im Lenker, die bei einer bestimmten Geschwindigkeit einsetzt. Aus ingenieurtechnischer Sicht ist dieses Flattern ein Fahrstabilitäts-Feedback – ein Symptom dafür, dass die aerodynamische oder mechanische Balance des Motorrads gestört ist. Die Ursachen können vielfältig sein und reichen von einfachen Problemen bis hin zu komplexen Fahrwerksfragen. Oft sind es aerodynamische Anbauten wie große Topcases oder breite Seitenkoffer, die die Stabilität bei hohem Tempo beeinträchtigen. Sie verändern den Schwerpunkt und bieten dem Wind eine große Angriffsfläche hinter der Hinterachse, was zu einem Auftrieb am Vorderrad und damit zu Instabilität führen kann.

Eine Messung an einer voll ausgestatteten BMW K 1200 LT zeigte, dass allein zur Überwindung des Luftwiderstands bei 200 km/h eine Leistung von rund 82 PS benötigt wird. Dies verdeutlicht die enormen Kräfte, die auf das Fahrzeug wirken. Bevor man jedoch teure Fahrwerkskomponenten austauscht, sollte eine systematische Fehlersuche durchgeführt werden, um die wahrscheinlichsten Ursachen auszuschließen.

Ihr Plan zur Fehlerdiagnose bei Lenkerflattern

  1. Reifendruck und -profil prüfen: Stellen Sie den Luftdruck exakt nach Herstellervorgabe ein und untersuchen Sie die Reifen auf ungleichmäßigen Verschleiß wie Sägezahnbildung.
  2. Aerodynamik eliminieren: Führen Sie eine Testfahrt ohne Topcase und Seitenkoffer durch. Wenn das Flattern verschwindet, ist die Ursache aerodynamisch.
  3. Lenkkopflager kontrollieren: Prüfen Sie das Lenkkopflager auf Spiel. Ein lockeres Lager ist eine häufige Ursache für Flattern und muss umgehend nachgestellt werden.
  4. Fahrwerkseinstellungen verifizieren: Überprüfen Sie, ob Federvorspannung und Dämpfung gemäß dem Handbuch für Ihr aktuelles Beladungsgewicht korrekt eingestellt sind.
  5. Reifenfreigabe sicherstellen: Verwenden Sie ausschließlich Reifenmodelle, für die der Hersteller eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für Ihr Motorradmodell ausgestellt hat.

Oft ist es eine Kombination mehrerer kleiner Faktoren. Ein leicht falscher Reifendruck in Verbindung mit der aerodynamischen Last eines Topcases kann bereits ausreichen, um das System in einen instabilen Zustand zu versetzen.

Hohe oder niedrige Scheibe: Was verursacht bei 1,85m Körpergröße die wenigsten Turbulenzen?

Die Frage nach der optimalen Höhe der Windschutzscheibe ist eine der meistdiskutierten unter Tourenfahrern. Die Antwort ist jedoch nicht pauschal, denn sie hängt entscheidend von der Körpergröße, der Sitzposition und der Helmform ab. Das Ziel ist es, den Kopf des Fahrers entweder vollständig im geschützten Windschatten hinter der Scheibe zu positionieren oder ihn in eine saubere, ungestörte (laminare) Luftströmung zu bringen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn die Abrisskante der turbulenten Strömung genau auf Helmhöhe liegt. Dies führt zu maximalem Lärm und starken Verwirbelungen, die am Helm zerren.

Motorradfahrer testet verschiedene Scheibenhöhen mit sichtbaren Luftströmungen

Für einen Fahrer mit einer Körpergröße von 1,85 m gibt es typischerweise zwei funktionierende Strategien:

  1. Die hohe Scheibe (Schutz-Strategie): Eine ausreichend hohe Tourenscheibe (oft in Kombination mit einem Spoileraufsatz) leitet den Luftstrom komplett über den Helm hinweg. Der Fahrer sitzt in einer relativ ruhigen Luftblase. Der Blick sollte dabei noch knapp über die Scheibenkante gehen können, um bei Regen oder Verschmutzung eine freie Sicht zu haben. Der Nachteil kann eine reduzierte Belüftung im Sommer sein.
  2. Die niedrige Scheibe (Anström-Strategie): Eine niedrige oder sportliche Scheibe lenkt den Luftstrom gezielt auf den Oberkörper des Fahrers. Der Helm befindet sich dabei vollständig in der sauberen, laminaren Strömung oberhalb der Verwirbelungszone. Dies führt zu einem konstanten, aber „sauberen“ Winddruck ohne das laute, unangenehme Buffeting. Diese Lösung wird oft von Fahrern bevorzugt, die eine bessere Belüftung und ein direkteres Fahrgefühl schätzen.

Die optimale Höhe ist also eine sehr individuelle Einstellung. Viele Hersteller, wie z.B. MRA, bieten für Kunden in Deutschland einen kostenlosen Testservice an. Man kann eine Scheibe bestellen, testen und bei Nichtgefallen zurückschicken. Dies ist der beste Weg, um die perfekte Lösung für das eigene System aus Motorrad, Größe und Sitzposition zu finden, ohne teure Fehlkäufe zu riskieren.

Textil flattert, Verbrauch steigt: Wie eng anliegende Kleidung 0,5 Liter Sprit spart?

Der Zusammenhang zwischen flatternder Kleidung und Kraftstoffverbrauch mag auf den ersten Blick nicht offensichtlich sein, ist aber eine direkte Folge aerodynamischer Gesetze. Jedes Flattern und jede Falte in der Kleidung erhöht den Luftwiderstand (den sogenannten cw-Wert) des Gesamtsystems Fahrer-Motorrad. Um eine bestimmte Geschwindigkeit gegen einen höheren Widerstand zu halten, muss der Motor mehr Leistung erbringen, was zwangsläufig zu einem höheren Kraftstoffverbrauch führt. Der Effekt ist bei hohen Geschwindigkeiten exponentiell. Während der Unterschied bei 80 km/h noch marginal sein mag, wird er bei 130 km/h auf der Autobahn signifikant.

Messungen im Windkanal verdeutlichen die dramatischen Auswirkungen: Der Leistungsbedarf zur Überwindung des Luftwiderstands kann sich zwischen einer aerodynamisch optimierten, eng anliegenden Lederkombi und einer weit geschnittenen, flatternden Textilkombi erheblich unterscheiden. Eine Messung von Motorrad Online ergab einen Unterschied von bis zu 33 PS bei 200 km/h. Auch wenn dieser Wert extrem ist, zeigt er das Prinzip: Ein signifikanter Teil der Motorleistung wird allein dafür aufgewendet, die von schlechter Kleidung verursachten Luftverwirbelungen zu überwinden.

Rechnet man dies auf eine typische Autobahnfahrt herunter, kann der Mehrverbrauch durch eine schlecht sitzende Jacke durchaus 0,3 bis 0,5 Liter pro 100 Kilometer betragen. Auf einer langen Tour von mehreren tausend Kilometern summiert sich dies zu spürbaren Mehrkosten und einer verringerten Reichweite. Die Investition in gut sitzende Kleidung mit Einstellmöglichkeiten oder die Wahl einer Kombi, die von vornherein einen körpernahen Schnitt hat, ist also nicht nur ein Gewinn für Komfort und Sicherheit, sondern auch eine ökonomische Entscheidung. Sie reduziert nicht nur Lärm und Ermüdung, sondern schont auch den Geldbeutel und die Umwelt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Reduzierung von Windgeräuschen erfordert eine systemische Betrachtung von Fahrer, Motorrad und Ausrüstung, nicht nur den Austausch einzelner Teile.
  • Frequenzselektiver Gehörschutz ist die wichtigste Basismaßnahme, da selbst die leisesten Helme bei Autobahntempo zu Gehörschäden führen können.
  • Eng anliegende Kleidung und eine individuell auf die Körpergröße abgestimmte Windschutzscheibe sind entscheidend, um turbulente und laute Luftverwirbelungen am Körper und Helm zu minimieren.

Heizgriffe nachrüsten: Welches System heizt auch durch dicke Winterhandschuhe?

Während die Aerodynamik den Lärm beeinflusst, ist thermischer Komfort ein weiterer entscheidender Faktor für ermüdungsfreies Fahren auf langen Strecken, besonders in der Übergangszeit oder im Winter. Kalte Hände führen zu Verkrampfung, verringertem Gefühl für die Bedienelemente und einer allgemeinen schnelleren Auskühlung des Körpers. Heizgriffe sind hier eine der effektivsten Nachrüstlösungen. Die zentrale Frage bei der Auswahl ist jedoch: Welches System erzeugt genug Wärme, um auch durch dicke Winterhandschuhe spürbar zu sein?

Die Heizleistung, gemessen in Watt, ist hier der entscheidende Parameter. Günstige Systeme bieten oft nur 20-30 Watt, was für dünne Handschuhe ausreichen mag, aber bei isolierten Winterhandschuhen kaum ankommt. Hochwertige Systeme von Marken wie Oxford, Koso oder Daytona bieten hingegen oft über 50 Watt Leistung auf der höchsten Stufe. Diese hohe Leistung ist notwendig, um die Isolationsschicht des Handschuhs zu durchdringen und die Hand effektiv zu wärmen. Man unterscheidet grundsätzlich zwei Bauarten:

  • Heizpatronen: Diese werden in den hohlen Lenker eingeschoben. Sie heizen den Lenker von innen, was eine sehr gleichmäßige Wärmeverteilung bewirkt. Die Montage ist jedoch aufwendiger.
  • Heizmatten/Heizgriffe: Dies sind die gängigsten Nachrüstlösungen. Entweder werden dünne Heizmatten unter die vorhandenen Griffe geklebt oder man tauscht die kompletten Griffe gegen integrierte Heizgriffe aus. Letzteres ist meist die effizientere Lösung.

Ein weiteres wichtiges Merkmal ist eine intelligente Steuerung. Moderne Systeme verfügen über mehrere Heizstufen und eine automatische Abschaltung, die erkennt, wenn der Motor aus ist. Dies verhindert, dass die Heizgriffe bei einer Pause unbemerkt die Batterie des Motorrads entleeren. Der Anschluss sollte daher immer über das Zündungsplus (geschaltetes Plus) erfolgen, nicht direkt an die Batterie.

Obwohl dies ein Aspekt des Komforts ist, trägt er indirekt zur Sicherheit bei. Eine ganzheitliche Optimierung des Tourenmotorrads schließt daher auch Überlegungen wie die Nachrüstung effektiver Heizsysteme mit ein.

Der nächste logische Schritt nach der Optimierung von Aerodynamik und Komfort ist eine systematische Analyse Ihres eigenen Systems, um die für Sie passendsten Verbesserungen zu identifizieren und umzusetzen.

Häufige Fragen zur Windschutzscheiben-Nachrüstung

Kann ich eine MRA-Scheibe vor dem Kauf testen?

Ja, MRA bietet für Kunden in Deutschland einen kostenlosen Testservice an. Die Testscheibe wird wie Neuware bezahlt und bei Nichtgefallen auf MRA-Kosten abgeholt.

Benötige ich für jeden Windschild-Aufsatz eine ABE?

Ja, in Deutschland benötigt jeder Windschild-Aufsatz eine ABE (Allgemeine Betriebserlaubnis), die auch zur bereits montierten Scheibe passen muss. Ohne gültige ABE erlischt die Betriebserlaubnis des Fahrzeugs.

Welche Scheibenhöhe ist bei 1,85m Körpergröße optimal?

Die optimale Höhe hängt stark von der individuellen Sitzposition und dem Helm ab. Ziel ist es, dass entweder die Abrisskante der Luftströmung deutlich über den Helm geht oder der Kopf komplett im sauberen, ungestörten Wind liegt. Eine Scheibe, deren Kante genau auf Helmhöhe endet, erzeugt die stärksten Turbulenzen.

Geschrieben von Markus Eder, Motorrad-Reisejournalist und Tourguide für Alpen- und Fernreisen. Spezialisiert auf Ergonomie, Navigation, Gepäcksysteme und Tourenplanung für Adventure-Bikes.